Audio Technica ATH-ADX5000 - einer flog unter dem Radar
Warum fliegt der ATH-ADX5000 unter dem Radar von vielen? Wir haben uns dieser Frage angenommen und den Kopfhörer einem gründlichen Test unterzogen. Was ist dabei heraus gekommen?
Let’s start: Grundsätzliches
Wir schreiben das Jahr 2017. AudioTechnica bringt mit dem ATH-ADX5000 sein neues Flaggschiff bei den offenen Kopfhörern auf den Markt. Und was geschieht? Genau nichts.
Das liegt möglicherweise einerseits daran, dass AudioTechnica in der Schweiz nie einen wirklich starken Vertrieb hatte, andererseits fliegt der Kopfhörer irgendwie tief unter dem Radar in der globalen Community. AudioTechnica ist, zumindest in unserem Lande, auch kein Name für audiophiles HiFi. Im Studio mag das anders aussehen, aber auch im Studio scheint der 5000er nie angekommen zu sein. Auch bei uns im Shop fristet der Kopfhörer ein Schattendasein. Wir hatten ihn zwar die meiste Zeit hier, die Nachfrage war bzw. ist aber äusserst bescheiden.
Warum ist das so? Wenn ich das wüsste. Ich nehme das zum Anlass, den Kopfhörer einmal einem etwas genaueren Test zu unterziehen, und ihn gegen den HD800S von Sennheiser antreten zu lassen. Denn etwas ist der ATH: bequem! Aber klingt er wirklich so schlecht, dass man ihn einfach ignorieren kann in einer Auswahl? Zudem der Kopfhörer mittlerweile für unter CHF 2000.- zu haben ist.
Also los! Gibt's einen Geheimtipp? Oder fliegt er nicht grundlos unter dem Radar und oft aus der Auswahl?

Die Basics: Optik, Haptik, Lieferumfang und Komfort
Beginnen wir mit etwas Positivem. Mit seinen 270g ist der ADX5000 ein Leichtgewicht wie kaum ein anderer Kopfhörer in dieser Liga. Dies schlägt sich auch auf den Tragekomfort nieder, vom Gewicht her merkt man den Kopfhörer kaum. Der Anpressdruck ist «out of box» relativ hoch – mit dem Metallbügel wird sich das mit der Zeit aber legen, wenn er etwas «entspannter» wird. Die Velourspolster sind sehr angenehm auf der Haut um die Ohren - und weich. Die praktisch nicht vorhandene Bügelpolsterung wurde bei mir zumindest nicht zum Problem, da durch den Anpressdruck praktisch kein Gewicht darüber verteilt werden muss.
Einen Schönheitspreis gewinnen die Japaner mit dem ADX5000 nicht. Aber in der Hand liegt er gut und wirkt stabil. Bei der Konstruktion als Ganzes wurde (wohl wahr) mit Kunststoff gearbeitet. Mittlerweile gibt es ja viele gute Beispiele, was die Materialauswahl im Kopfhörerbau anbelangt, auch wenn man ZMF nicht unbedingt als Standard definieren muss. Wirklich wertig wirken die Materialien in der Hand leider nicht. Mit dem Wissen, dass der Kopfhörer derart leicht ist, macht der Materialeinsatz aber sicher Sinn. Zudem er haptisch, wie bereits erwähnt, nicht billig wirkt.
Das Auspacken macht Freude. AudioTechnica liefert einen hübschen Koffer mit, der Kopfhörer liegt wohlbehütet in der Kiste. Die Kiste wird als «exklusives Transport-Case» beschrieben … mmh! Wie praktisch dieses Transport-Case im Alltag ist? Man würde schon ziemlich viel Luft mit sich herumtragen. Aber es gibt von anderen Herstellern, wenn es denn überhaupt sein soll, kleinere Cases, wo er reinpassen würde.
Mitgeliefert wird ein Kabel, 3.0 m lang mit 6.3 mm Stecker. So weit, so Standard. Was mich stört und was ich nicht nachvollziehen kann: AT setzt nicht auf einen normalen Anschluss zwischen Kopfhörer und Kabel, sondern auf den A2DC Stecker – und wirbt vollmundig damit. Immerhin ist man überzeugt von seinem Tun. So gut der Stecker sein mag (es gibt eine ganze Abhandlung dazu auf der AT-Homepage), so unpraktisch ist er, wenn man ein Kabel mit einem anderen Anschluss möchte. Kompatibilität mit Alternativen ist nicht gegeben. Zudem als einziges Zubehörkabel offiziell ein XLR-Kabel angeboten wird (für nicht wenig Geld). Liebe ATH-Ingenieure: Verbaut doch einfach 3.5mm Buchsen … nicht sexy und vielleicht technisch «schlechter», aber viel praktischer.

Das Entscheidende: Der Klang
Getestet mit dem SPL Phonitor XE DAC mit Tidal Max, unbalanced, mit dem Stock-Cable.
Es hat etwas gedauert, bis ich eine Theorie entwickelt habe, weshalb der ATH-ADX5000 im Vergleich sehr oft nicht die Wahl ist. Es brauchte dazu den Vergleich (siehe unten).
Für sich allein genommen, darum geht es in diesem Abschnitt: Alessandras «Queens of King» ist wie immer der Start. Überzeugend, wahrlich überzeugend. Die etwas nervig hohe Stimme der guten Frau wird sehr angenehm wiedergegeben. Die Bässe im Hintergrund bringt er knackig und sauber. Die Instrumente in der Mitte sind nicht zu stark und nicht zu schwach. Ich höre plötzlich Details, die ich bis zum Hifiman HE1000 hinauf nicht gehört habe. Die Auflösung ist also nach einer Minute schonmal überzeugend. Das Lied trällert langsam aus, und mein erster Gedanke festigt sich: Wo liegt sein Problem? Das klingt alles hervorragend?!
Weiter in meiner Playlist. Bei Sophie Solomon erhärtet sich der Eindruck. Der Track «Holy Devil» neigt auch dazu, eher nervig zu sein mit Kopfhörern, welche die Höhen nicht im Griff haben. Der ATH hat die Höhen aber sowas von im Griff. Ich drehe mal am Regler und selbst wenn es mir «zu laut» wird, ist das immer noch angenehm. Der ultimative Test ist dann «Human» vom Rag’n bow Man. Und auch da – das passt. Den Sibilanten-Test hat er bestanden. Der Bass ist bei all den Liedern da, die einen gewissen Bassdruck und Subbass erfordern, um zu begeistern. Vielleicht vermisse ich ein bisschen mehr Druck im Subbass, aber das stört für sich allein gesehen überhaupt nicht.
Was tut sich in den Mitten?
Dafür bemühe ich wieder meine üblichen Verdächtigen, Klaus Badelt, Knopfler, den Piano Guys, und Adele mit Skyfall. Und Skyfall war eine kleine Erleuchtung. Es gibt viele Setups, wo der Übergang nach ca. 1:20min einfach nur unangenehm erklingt. Entsprechend kritisch gehe ich an diese Stelle heran … der 5000er überzeugt mich aber auf ganzer Linie. Damit ist er bei mir eine Stufe vor dem Olymp, was das Allrounder-Talent anbelangt.
Bei allen Liedern ist es schön zu hören, wie klar der Kopfhörer spielt, wie «schwarz» er ist (also wie viel nichts, nichts ist). Bei den Piano Guys spielt er seine Stärken voll aus. Es braucht also etwas anderes, um Schwächen zu finden. 1) «Fearless» von Thomas Bergesen – aha! Die Komplexität, die Schnelligkeit. Gefühlt hinkt der Kopfhörer einen Zehnteltakt hinterher. Aber welche Wiedergabekiste tut das nicht? 2) «4th of July» von Amy MacDonald – aha! Wo ist die Tiefe denn hin? Da rutscht der Kopfhörer etwas emotionslos drüber. An sich gibt es nichts zu bemängeln, aber wo ist die Stimmung? Stimmung als Stichwort, meine Referenz: Eine Livesituation von Gurtenfestival anno 2015. Wie bei Amy, emotionslos geht’s übers Publikum. Man hört alles, man hört eine Menge, aber man ist nicht drin. Das kritisiere ich jetzt, mit dem Wissen, dass es ein «analytischer Kopfhörer» ist (was er auch sein soll), da darf man das eigentlich nicht werten, oder?
Und das bringt mich zur räumlichen Abbildung. Wo, ja wo ist sie denn? Das fällt mir erst jetzt auf. Und das ist der Startschuss für den Vergleich mit dem Sennheiser HD800S.

Der Vergleich: Was tut er im Vergleich zum Sennheiser HD800S
So schön wie der ADX5000 für sich klingt, mein Eindruck braucht eine Vergleichsgrösse. Und da der Hörer sich im Studio Bereich zu platzieren versucht, nehme ich den Sennheiser HD800S dagegen. Der Vergleich ist auch nicht unfair, denn die Referenz ist nun mal die Referenz :-).
Ich hänge bei der Räumlichkeit von oben ein. Gurten Live von Patent Ochsner. Kaum 10 Sekunden mit dem HD800S stehe ich vor der Bühne. Dieser Eindruck geht dem 5000er komplett ab. Ein paar weitere Lieder bestätigen dieses Verdikt. Der HD800S ist räumlicher, tatsächlich massiv. Es mag ein gemeiner Vergleich sein, der Sennheiser ist der ungekrönte «King of stage», und das beweist er einmal mehr. Der AudioTechnica wirkt dagegen zweidimensional. Die Breite ist durchaus da, wirkt aber nicht.
Auflösung als nächstes Thema.
Da steht der ATH dem Sennheiser in nichts nach. Tatsächlich bildet er praktisch genauso viele Details ab, bringt auch die letzte Hintergrundsängerin bei Alessandra bis ans Ohr. Eine Stimme die, warum sie auch immer existiert, bei den allermeisten Kopfhörern einfach vergessen wird und sich in den Tiefen des grossen Ganzen verliert.
Der Sennheiser ist etwas klinischer abgestimmt. Die Höhen sind noch zurückhaltender, der Bass noch etwas schwächer, ebenso die Mitten. Der ATH rückt die Stimmen noch ein paar Zentimeter näher an die Nasenspitze. Diesen Vergleich mit dem HD800S – gleiche Preisklasse – muss der ATH nicht scheuen. Er hat seine Schwächen in der Räumlichkeit, steht ihm aber bezüglich Auflösung in nichts nach. Er ist ein wenig musikalischer abgestimmt. Musik lässt sich genauso analysieren wie mit dem Sennheiser, macht aber ein bisschen mehr Spass dabei. Ob das jetzt … bei einem Kopfhörer … der analysieren soll … wirklich gut ist?

Fazit
Nach all dem Hören und dem Vergleich habe ich nun meine Theorie, weshalb er sich nicht der Beliebtheit erfreut, die sich AudioTechnica wünscht. Der ATH-ADX5000 macht fast alles sehr gut. Hast du jetzt aber den HD800S und den ATH vor dir und vergleichst die beiden, wirst du von der Räumlichkeit des HD800S eingesackt, da kommt der ATH nicht mit. Hast du den Hifiman HE1000V2 Stealth und den ATH vor dir und vergleichst die beiden, wirst du von der Spielfreude des Hifiman eingesackt, da kommt der ATH nicht mit. Diese Liste liesse sich jetzt fortführen.
Und das ist vielleicht / vermutlich / möglicherweise der Knackpunkt.
Im direkten Vergleich hebt sich der ATH-ADX5000 nicht ab. So gut er alles macht, so schnell wird er in einzelnen Punkten rechts und links überholt von den Mitbewerbern. So funktionieren wir wohl, wir lassen uns von gewissen Effekten einlullen und bevorzugen dann die Dinge, die im ersten, zweiten Moment «mehr» bringen. Damit der ATH bringt, was er bringt, und dich von sich überzeugen kann, braucht es einen dritten Moment. Denn wenn man ihn isoliert betrachtet und ihm Zeit gibt, dann vermisst man die Effekte nicht (einzig bei der Räumlichkeit setze ich ein Fragezeichen).
Absolut überzeugend ist der ATH-ADX5000 bei der Auflösung, bei der unaufgeregten analytischen Darstellung über praktisch sämtliche Frequenzen hinweg. Er ist ein wenig spassiger als der HD800S, und da würde ich ihn ihm tatsächlich vorziehen. Das Tragegefühl ist sehr gut und auf lange Zeit mit einem HD800S zu vergleichen – auch wenn er ein anderes Konzept zur Gewichtsverteilung verfolgt.
Und wo sehe ich seinen Einsatzzweck? Analytischer Allrounder? Das trifft es am ehesten. Es gibt Kopfhörer für mehr Geld, welche vielleicht dieses oder jenes besser machen, aber auch Schwächen haben. Schwäche kann ich, bis auf die Räumlichkeit und den Anschlussstecker (damit das nochmal erwähnt ist), beim ATH aber keine wirklich ausformulieren. So komme ich zum Schluss: Geheimtipp ist er nicht. Er fliegt nicht völlig grundlos unter dem Radar. Aber er hat einen Platz in der Auswahl verdient, und dann muss er sich halt jedes Mal aufs Neue beweisen. Denn wie immer schliesse ab mit: Your try - your impression - your choice!