Campfire Audio Grand Luna - Hybrid mit Planar
Der Campfire Grand Luna beinhaltet mal ein anderes Treiberkonzept für Hybrid In-Ears. Was kann er wirklich? Wir haben ihn getestet und mit dem Moon Rover von Campfire verglichen.
Let’s start: Grundsätzliches
Campfire Audio ist seit über zehn Jahren eine feste Grösse im In-Ear-Markt. Mit Modellen wie dem Vega und dem Andromeda haben die Amerikaner damals fast schon eine neue Liga erschaffen. Auch bei der Entwicklung von magnetostatischen Treibern für In-Ears war Campfire früh mit dabei – Erfahrung und Expertise im Umgang mit dieser Technologie sind also vorhanden.
Mit dem Moon Rover und dem Astrolith hat Campfire zudem zwei Modelle im Programm, die meiner Meinung nach zum Besten gehören, was der Planar-IEM-Markt bisher hervorgebracht hat.
Beim Grand Luna geht Campfire einen neuen Weg: Zum ersten Mal in der Firmengeschichte werden Planar-Treiber mit Balanced-Armature-Treibern kombiniert. Campfire ist zwar nicht der erste Hersteller mit dieser Kombination, gehört aber zu den wenigen, die ein solches System bezahlbar anbieten.
Auf der High End in München 2025 konnten wir eine erste Hörprobe nehmen – und wie soll ich sagen: Das hat definitiv Lust auf mehr gemacht.
Schon der Name „Grand Luna“ deutet an, wohin die Reise geht. Campfire bleibt damit seiner Linie treu, denn die Planar-Modelle haben alle einen Bezug zum Mond (Supermoon, Moon Rover …).
Planarwas, IEMwie?
Findest du Begriffe die dir so gar nichts sagen auf Anhieb? Dann scrolle ganz runter, da ist ein kleiner Glossar-Kasten mit einer kurzen Erklärung der gängigsten Fachbegriffe.

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang
Die Form des Grand Luna ist nicht gänzlich neu – und das ist gut so. Schon der Astrolith war ähnlich geformt und sass bei den meisten Menschen sehr bequem im Ohr. Das dürfte beim Grand Luna genauso sein.
Die Farbkombination aus Silber und Rot erinnert im ersten Moment etwas an „Iron Man“. Aber hey, mir gefällt’s! Und falls es jemandem zu bunt ist: Im Ohr sieht man ohnehin fast nur das polierte Silber. Campfire war in Sachen Farbwahl schon immer eigenwillig – und das macht irgendwie auch den Reiz aus.
Beim Lieferumfang stockt Campfire wieder auf, und davon profitiert auch der Grand Luna. Neben den üblichen Silikon- und Schaumstoffstöpseln liegt auch ein Set „High and Clear“ bei. Welcher Hersteller genau dahintersteckt, ist mir zwar nicht ganz klar (ich tippe auf SpinFit) – aber es sind meine bevorzugten Tips aus dem Original-Lieferumfang.
Spannend ist auch das Kabel: Es könnte optisch ein Time-Stream-Ultra sein. Es handelt sich aber nicht um das Ultra, es nennt sich Time-Link. Es ist ein 6-adriges Hybrid-Kabel aus je 3 Strängen Kupfer und Silber (das Ultra hat je deren 4). Das Kabel kommt mit wechselbaren Steckern (3,5 mm, 4,4 mm und USB-C). Im USB-C-Adapter sitzt ein CS43131-DAC-Chip. Kein Gamechanger, aber ein solider Mittelklasse-DAC – auf jeden Fall besser als irgendein No-Name-USB-C-Adapter.
Klar ist aber auch: So richtig auf Touren kommt der Grand Luna erst mit einem hochwertigen Zuspieler.

Das Entscheidende - der Klang
Wie habe ich den Grand Luna getestet? Hörerseitig mit den von mir persönlich favorisierten Final E-Type Silikonstöpseln (Large) und dem mitgelieferten Kabel. Einmal balanced per 4.4mm über den iFi Valkyrie (lädt die Kanonen, die Spatzen sind im Anflug) und andererseits mit dem USB-C Adapter welcher original beiliegt. Letzteres vor allem, um den Campfire DAC einordnen zu können. Als Musikquelle diente immer Tidal High-Res ab dem Smartphone.
Der Grand Luna ist klanglich vermutlich der modernste Campfire seit es Campfire gibt. «Modern» meint: Die Abstimmung entspricht dem gefühlten Zeitgeist 2025 – wo ein kräftiger Bass allzu oft als Voraussetzung angesehen wird, damit etwas überhaupt gut sein kann. Der Bass vom Hörer ist mächtig, aber wahnsinnig kontrolliert.
Obwohl ich lieber neutraler höre, muss ich zugeben, der Bass des Grand Luna zieht mich in seinen Bann. Das liegt vor allem daran, dass die Qualität trotz der enormen Quantität nicht leidet. Bei einem pompösen Orchester treffen die Bässe (Instrument!) stetig ins Ohr, ohne aber die feinen Streicher oder Bläser zu übertönen. Im Publikum eines solchen Ensembles rumpelt das nicht auf diese Art und Weise im Ohr – es erfüllt die Musik aber mit einer gefühlten Dynamik, die zwar nicht ganz der Realität entsprechen mag, aber Spass machen kann.
Bei Musik, die schon basslastiger abgestimmt ist, wie zum Beispiel «bury a friend» von Billie Eilish, ist es mir dann persönlich hart an der Grenze des Hörbaren. Leise alles gut, wähle ich eine normale Lautstärke donnert es im Ohr. Wie erwähnt mag dies dem Zeitgeist entsprechen, es ist aber schnell ermüdend. Sehr schön ist es aber, um in Gedanken noch bei diesem Musikstück zu bleiben, dass der Bass auch bei geringerer Lautstärke das Trommelfell in Wallung versetzt. Da macht der Planar-Treiber seine Arbeit vorzüglich. Wer also gerne leise hört und nicht auf einen Bassdruck verzichten möchte, könnte das als «perfekt» bezeichnen. Bei eher neutral gemixter Musik, die vom Bass aber profitiert («Burdon» von Foy Vance als Beispiel), entferne ich mich von der oben genannten Grenze. Das ist ein Genuss. Kein maximal entspannter Genuss, aber ein Genuss.
Soviel zum Bass. Und was geschieht im Rest? Man würde jetzt erwarten, dass die Quantität des Basses vor allem den Mitten schadet. Ist das so?
Nein – und hier kommen die beiden BA-Treiber ins Spiel. Campfire hat beim Grand Luna dafür gesorgt, dass diese nicht untergehen. Wie auch immer es erreicht wurde, es wurde erreicht. Natürlich sind die unteren Mitten bei neutraleren Ohrhörern präsenter, weil sie mehr Raum erhalten. Und natürlich gehen deshalb gewisse Details in dem Bereich unter. Sie verschwinden aber nicht komplett, es ist erstaunlich viel da. Die Mitten macht der Grand Luna einfach schön. Stimmen verschiedenster Couleur sind natürlich und angenehm. Mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.
Was ist mit den Höhen? Basslastige Ohrhörer haben die Eigenschaft, die Höhen stark zu betonen (wohl mit der der Idee, Dynamik zu generieren) – das lässt solche Klangsignaturen dann gerne giftig werden. Das ist beim Grand Luna nicht so. Diesen Umstand möchte ich als ein Highlight des Ohrhörers hervorheben. Die oberen Mitten und Höhen wollen einfach nicht aggressiv werden. Bis mich diese nerven ist es unerträglich laut. Die Auflösung in den Höhen ist absolut in Ordnung. Da mögen Hörer mit einem Dutzend BA-Treibern mehr bieten, aber das für andere Kunden mit einem anderen Anspruch.
Räumlichkeit: Mir fiel es schwer, mich in meinem Referenzstück («Guet nacht Elisabeth» von Patent Ochsner @Gurten) auf diesen Punkt konzentrieren zu können. Einfach weil das Piano, welches solo mit dem Publikum spielt, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und meinen Fokus frisst. Ich habe es aber doch geschafft. Und was ich höre, ist erstaunlich gutes Mittelmass. Planar-Treiber sind, auch in der grossen Version bei Kopfhörern, nicht die Raumwunder, und so ist es auch bei diesem In-Ear. Deshalb habe ich ehrlicherweise weniger erwartet. So bin ich geneigt zu sagen, dass er – angesichts der Technik – in diesem Punkt überzeugt!
Bis zu diesem Absatz habe ich jetzt alles mit dem iFi Valkyrie gehört. Jetzt wechsle ich auf den USB-C Adapter vom Lieferumfang. Was verändert sich, hört man das überhaupt? Man hört es. Der Adapter ist sicher nicht schlecht, der Hörer hat aber mehr Potential als der Adapter liefert. Das überrascht mich aber überhaupt nicht. Was mit dem Adapter verloren geht, ist Separation zwischen den Bässen und Mitten. Die Konsequenz ist, dass der Bass mehr in die Mitten hineindröhnt und die sehr positiven Aspekte, die ich oben erwähnt habe, etwas verloren gehen. Die Auflösung verliert als Ganzes auch merklich – die Räumlichkeit wird aber sogar etwas besser. Verschiedene DACs haben doch verschiedene Eigenschaften.
Der Unterschied ist nicht riesig, und der USB-C Adapter am Kabel ist sehr praktisch. Um das letzte aus dem Grand Luna heraus zu kitzeln, ist er aber nicht der richtige Wandler.

Der Vergleich: Campfire Grand Luna mit dem Campfire Moon Rover
Der Campfire Moon Rover ist ein Single-Planar Ohrhörer von Campfire. Er nutzt zwar nicht exakt denselben Planar-Treiber wie der Grand Luna, aber der Vergleich wird spannend. Wie verändert sich der Klang mit den beiden zusätzlichen Balanced-Armature Treibern?
Der Moon Rover ist «organischer», die Musik kommt aus einem Guss. Das ist der Vorteil von allen Single-Driver Hörern. Die klanglichen Unterschiede: Der Bass ist schwächer bzw. kommt zurückhaltender, die Höhen sind etwas präsenter und die Mitten etwas weniger definiert. Eigentlich alles wie man es erwarten kann.
Der Moon Rover ist in den Höhen präsenter und giftiger. Die Frequenzkure ist mehr V-Förmig. Auch das ist normal bei Eintreiber-Hörern. Da kann man das eine (Bass) fast nicht ohne das andere (starke Höhen) haben.
Allein vom Potential des Hörers ist der Grand Luna dem Moon Rover überlegen. Er ist der bessere Hörer. Die zwei zusätzlichen Treiber ermöglichen eine Klangabstimmung, welche mit einem einfachen Treiber nicht möglich ist. Trotzdem kann die zurückhaltendere Art des Moon Rover besser gefallen. Er ist auf jeden Fall weniger «anstrengend», das merke ich beim Vergleich sofort.

Fazit
Campfire liefert ein freches Produkt. Nicht nur optisch, sondern auch klanglich. Der Bassdruck ist für einen In-Ear in dieser Liga pompös und auch schon bei geringer Lautstärke da. Wer Bass und Dynamik im tiefen Frequenzbereich mag, wird reichlich bedient. Das macht Laune und reisst mit. Die Mitten und Höhen sind dennoch präsent.
Der Grand Luna ist für alle, die es im Bassbereich gerne lebendig mögen, aber die Höhen nicht klassisch "V-förmig überspitzt" hören können. Es gibt eigentlich kein Genre, welches man so nicht hören kann. Diese Abstimmung der beiden BA-Treiber auf den planaren Treiber ist vielleicht ungewöhnlich, aber fantastisch gut gelöst.
Das mitgelieferte Kabel ist haptisch grossartig, und die auswechselbaren Stecker sind sowieso eine tolle Sache. Der USB-C Stecker mit DAC, welcher einen direkten Anschluss an eine USB-C Quelle erlaubt, ist praktisch, clever und qualitativ in Ordnung, vermag aber nicht das volle Potential des Grand Luna auszureizen.
Wie immer gilt aber auch hier: Your try - your impression - your choice!
Kurz erklärt – Fachbegriffe im Überblick
Magnetostatische Treiber (Planar Magnetic)
Eine hauchdünne Membran wird von Magnetfeldern in Schwingung versetzt. Ergebnis: extrem detailreicher Klang – selten in In-Ears, da technisch aufwendig.
Balanced-Armature-Treiber (BA)
Winzige Lautsprecher, ursprünglich für Hörgeräte entwickelt. Sehr präzise, besonders wenn mehrere kombiniert werden.
IEM (In-Ear Monitor)
Hochwertige In-Ear-Kopfhörer, ursprünglich für Musiker auf der Bühne gedacht. Heute Synonym für hochauflösende, gut isolierende Ohrhörer.
4.4 mm Balanced (symmetrisch)
Ein Kopfhöreranschluss mit symmetrischer Signalführung. Im Vergleich zu 3,5 mm (unsymmetrisch) bietet er meist mehr Leistung, weniger Störgeräusche und eine stabilere Stereobühne. Besonders beliebt bei hochwertigen Playern und Kopfhörerverstärkern.
DAC (Digital-Analog-Wandler)
Wandelt digitale Musikdaten vom Smartphone oder Computer in analoge Signale um, die Kopfhörer abspielen können. Qualität des DAC = Qualität des Klangs.
Eartips (Silikon- oder Schaumstoffstöpsel)
Die kleinen Aufsätze im Ohr. Sie beeinflussen Tragekomfort, Isolation und Klang stark – der richtige Tip kann den Sound massiv verbessern.
Wer ist Campfire Audio?
Campfire Audio ist ein US-amerikanischer Hersteller aus Portland, Oregon, der seit 2015 im High-End-In-Ear-Markt für Aufsehen sorgt. Bekannt geworden sind die Amerikaner durch Modelle wie den Andromeda oder den Vega, die bei vielen Audiophilen Kultstatus erreicht haben. Typisch für Campfire sind die eigenwilligen Designs, die handgefertigte Produktion in kleinen Stückzahlen und eine klare Klangphilosophie, die sich nicht immer am Mainstream orientiert. Genau das macht die Marke so spannend – Campfire überrascht fast immer und bleibt dabei konsequent eigenständig.