Dan Clark Audio Noire X - ein geschlossener und ultra portabler Kopfhörer, was kann er?
Ein Test und ein Vergleich. Was kann der Dan Clark Noire X und wie vergleicht er sich mit dem AEON2? Wir haben ihn einem ausführlichen Test unterzogen.
Let’s start: Grundsätzliches
Dan Clark (früher unter dem Namen Mr. Speakers bekannt) ist im Moment sehr aktiv, was Neuheiten anbelangt. Nach dem E3 im Frühjahr 2024 folgte kurz vor dem Jahreswechsel 2024-2025 mit dem Noire X bereits der nächste Kopfhörer. Und der hat uns alle etwas überrascht.
Warum überrascht? Weil er sich preislich im Bereich des bekannten und beliebten Dan Clark AEON 2 bewegt. Ist der Dan Clark Noire X also eine neue Generation AEON oder etwas ganz anderes? Auf den ersten Blick sieht der Noire X dem AEON 2 Noire sehr ähnlich. Dan Clark selbst äussert sich klar zu dieser Frage: Der Noire X ist kein AEON 3, sondern ein eigenständiges Produkt. Ob das wirklich zutrifft? Das versuchen wir mit diesem Test herauszufinden.

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang
Unscheinbar wie immer präsentiert sich die Box. Drin steckt der Kopfhörer im Etui, das gewählte Kabel in einer Stofftasche und etwas Dokumentation. So weit, so vollständig.
Ich bin ein Fan von der Bauform des Noire X – und dem Case, das dazu gehört. Viel platzsparender geht es kaum. Da der Kopfhörer geschlossen ist, ist diese Portabilität mehr als nur ein nettes Gimmick. Das macht alles Sinn! Der Klappmechanismus wirkt sehr solide. Er ist nicht ganz neu, sondern gut erprobt bzw. bewährt. Seit es die AEON gibt, ist er so in Verwendung – und wir haben bisher keine schlechten Erfahrungen damit gemacht.
Aufgeklappt denkt man: Haben wir nicht doch einen AEON 2 Noire vor uns? Nein, in den Details liegt der Unterschied. Sinnigerweise hat man sich konstruktiv bei Dan Clark fast komplett am AEON bedient – jedoch mit dem Bügel- und Kopfband des Dan Clark E3. Das bedeutet: Das Kopfband ist jetzt auch gepolstert, und die Grössenverstellung erfolgt automatisch.
Ebenfalls neu sind die Ohrpolster. Es handelt sich um ein Hybrid-Pad (Leder / Stoff), mit einer Perforierung auf der Innenseite. Die Abmessung ist identisch mit jener des AEON 2, auch grössere Ohren finden problemlos Platz im Polster. Es ist auf den Hörer geklebt, lässt sich aber trotzdem ersetzen. Die Polster gibt es bereits auch einzeln als Ersatz. Es ist aber schade, da man so nicht „eben mal ein anderes Polster ausprobieren kann“.
Zu den Kabeln
Wie beim AEON 2 kommen die „Dan Clark Dummer Cable“ zum Einsatz. Wahlweise mit 3,5 mm (+6,3 mm Adapter) oder symmetrisch mit 4,4 mm oder XLR. Die Kabellänge beträgt etwa 2 m und kann nicht gewählt werden. Beim Noire X kommt derselbe Stecker zum Einsatz wie bei allen Dan Clark-Kopfhörern: ein proprietärer 4-Pin-Stecker. Da dieser Stecker ansonsten praktisch nicht verwendet wird (einzige uns bekannte Ausnahme ist der Sendy Audio Peacock), ist die Situation bezüglich Upgrade-Kabel nicht ganz so einfach, wie wenn sich Dan Clark an einen der gängigen Standards gehalten hätte.
Ansonsten kann man keine Fragezeichen setzen: Dan Clark liefert haptisch eine tadellose Arbeit.
Zur technischen Seite
Mit einer Impedanz von 16 Ohm und einem Wirkungsgrad von 94 dB ist der Noire X, zumindest auf dem Papier, nicht sehr schwer zu betreiben. Aber lassen wir uns von den Zahlen nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten – die anderen Dan Clarks haben trotz ähnlicher Zahlen gerne viel Leistung, und spielen erst dann das volle Potenzial aus. Einen Frequenzgang gibt Dan Clark nie bekannt, auch beim Noire X nicht. Dies mit der Begründung, dass diese Zahlen nichts über die Qualität eines Kopfhörers aussagen und man im „run to the top“ auf den Bestenlisten nicht mitmachen werde.

Das Entscheidende - der Klang
Der Noire X kommt für diesen Test an mein übliches Testsetup, nämlich an den SPL Phonitor XE DAC. Angeschlossen ist er symmetrisch mit dem Dan Clark-Dummer-Kabel, wie es zum Lieferumfang gehört. Zum Schluss mache ich noch kurz einen Vergleich mit einem Shanling UA6, also einem deutlich schwächeren DAC-AMP, um zu schauen, was geschieht, wenn die Leistung nicht im Überfluss vorhanden ist.
Wegen der sehr niedrigen Impedanz muss beim SPL der Gain heruntergestellt werden, sonst stört ein leichtes Impedanzrauschen. Ich beginne mit meiner Playlist, und das macht Spass. Ich eröffne die Session mit "Queen of Kings", wie eigentlich immer. Mir „brummt“ sofort ein Bass entgegen, den ich so von Dan Clark nicht kenne – und den ich üblicherweise auch nicht erwarte. Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben; der Bass ist in der Quantität nicht sehr ausgeprägt, legt sich aber unglaublich dynamisch in die Frequenzen. Der Druck spielt sich in einem riesigen Raum ab, deshalb „wummert“ auch nichts am Ohr. Ich gebe zu, in dem Moment geisterte das Wort „perfekt“ in meinem Kopf herum. Dieser Eindruck verstärkt sich mit jedem weiteren Lied, egal ob es auf Bass angewiesen ist oder nicht. Der Bass ist immer genau da, wo man ihn braucht, genauso stark, wie man ihn will. Und wenn er nicht sein soll, dann ist er auch nicht da und hält sich angenehm zurück. Und das geht dann zulasten von? Von nichts! Von nichts? Das kann ja kaum wahr sein? Nein, so ist es natürlich nicht.
Der Dan Clark Noire X ist unheimlich dynamisch. Auf eine wahnsinnig angenehme Weise. Bei Stimmen und Instrumenten, wie einer Geige, sind die Frequenzen ebenfalls angenehm angehoben, so dass ein sehr direkter Eindruck entsteht. Aber nervig ist das nicht. Ist es anstrengend? Mein Test dauerte jetzt keine 2 Stunden am Stück, aber auch nach der Zeit, die ich investiert hatte, nervte es noch nicht.
Kommen wir zum „aber“. Leise hören kann man mit dem Noire X nicht wirklich. Mir ist es nicht gelungen. Mit steigendem Pegel steigt die Dynamik, der Druck, der Spass. Leise plätschert es vor sich hin. Man merkt, wie er will, aber nicht kann. Er wirkt behäbig und langsam. Dazu ist zu sagen: Ich höre tendenziell leise. Was ich also „laut“ empfinde, mag für andere eher mittellaut sein.
Dass mehr Pegel auch mehr Dynamik bedeutet, ist klar. Beim Noire X ist es aber ausgeprägter als bei anderen. Selbiges gilt übrigens für die Räumlichkeit. Der Raum ist für einen geschlossenen Kopfhörer riesig. Aber leise kommt das überhaupt nicht zur Geltung, da verlieren sich die Details im Raum, und das Publikum bei meiner Referenzaufnahme vom Gurten Festival verschwindet fast komplett.
Der erste Test war mit dem sehr leistungsstarken SPL-Verstärker. Es folgt ein zweiter mit dem Shanling UA6
Der UA6 ist passiv betrieben und zieht Strom vom Smartphone. Für einen Kopfhörer mit diesen Kennzahlen aber kein Problem? Doch … ist die kurze Antwort. Die lange: Hier schlägt der Wirkungsgrad durch. Ich mag nicht ganz nachvollziehen, weshalb man eine derart tiefe Impedanz wählt und der Wirkungsgrad dann so niedrig ist. Warum nicht eine bessere Mischung – das verhindert Impedanzrauschen? Aber ich bin kein Techniker, ich stelle nur Fragen ;-).
Die Konsequenz am UA6: Ich bin nah am Maximum (trotz 4,4mm-Verbindung), um die Lautstärke zu erreichen, die am SPL vorhin die richtige war. Was am UA6 fehlt, ist die Spritzigkeit, die Schnelligkeit. Der Raum ist kleiner, was vor allem im Bassbereich auffällt. Da habe ich oben beschrieben, wie schön die tiefen Frequenzen im Raum liegen – am UA6 kommt das deutlich weniger schön zur Geltung.
Am UA6 erinnert mich der Noire X an den … und jetzt geht’s zum Vergleich.

Der Vergleich: Dan Clark Noire X vs. Dan Clark AEON2 Noire
Gleicher Hersteller, fast identischer Aufbau, verwechselbare Optik. So ähnlich sie aussehen, so unterschiedlich sind sie aber im Klang. Der Dan Clark AEON 2 ist viel zahmer, viel zurückhaltender. Er treibt nicht nach vorne, sondern stellt dar. Auf eine unspektakuläre, aber sehr gute Art und Weise, wohlgemerkt. In die Musik „eintauchen“ und die Emotionen spüren – das fällt mit dem Noire X einfacher. Das Gefühl mit dem AEON2 ist viel unaufgeregter. Dies stelle ich fest, wenn in der Komplexität eines Orchesters, welches gross aufspielt (Grüsse gehen raus an Hans Zimmer), der Funke einfach nicht so richtig überspringen mag.
Der AEON 2 ist aber, so objektiv bleibe ich, der ehrlichere Kopfhörer. Und er ist in den Mitten präsenter. Das ist natürlich wenig überraschend und die logische Konsequenz aus der Abstimmung des Noire X.
Bei ruhiger Musik wird der Unterschied immer kleiner, und da beginnt der AEON 2, seine Stärken auszuspielen. Was ich ganz spannend finde: Dem AEON 2 tut die Lautstärke nicht zwingend gut. Mit ihm kann man angenehm leise hören, und der Klang wird nicht besser, nur weil man am Volumenrad dreht. Beim Noire X ist es genau andersherum.
Die AEON 2 haben, wie auch die Dan Clark Stealth und Expanse, die Eigenschaft, dass man eine Weile braucht, bis man sich darauf einlassen kann. Wenn man sich erstmal „eingehört hat“, sind sie Klasse. Das ist beim Noire X ganz anders und, aus meiner Sicht, Dan Clark-untypisch. Der packt mich ab dem ersten Takt.
Wie bilanziere ich den Vergleich? Der Noire X ist der „massentauglichere“ Kopfhörer. Ich stelle die Behauptung in den Raum: 9 von 10 Personen werden ihn dem AEON 2 vorziehen nach einem kurzen Vergleich. Ob das nach einem ausgiebigen Vergleich noch so ist? Das ist absichtlich als Frage formuliert – ich vermute nämlich nicht.

Fazit
Die maximal kompakte Form mit dem Case macht den Noire X zu einem wahrlich portablen Hi-Fi-Kopfhörer. Das gibt es gar nicht so oft. Die Polster, der Bügel und das Gewicht lassen mich zur Aussage verleiten, dass er auf nahezu jedem Kopf sehr bequem sitzt.
Der Klang begeistert ab der ersten Sekunde. Die Schnelligkeit, die Räumlichkeit (für einen geschlossenen Kopfhörer) und die Auflösung lassen keinen Spielraum für Kritik. Der Spassfaktor ist äusserst gross, denn der Bass ist so angenehm wie unaufdringlich. Er ist da, ohne zu stören und ohne irgendetwas zu übertönen. Man muss mit ihm aber „eher lauter hören“, um in die Musik eintauchen zu können. Leise kann man nichts bemängeln, aber so richtig Freude kommt dann nicht auf – weil man weiss, was er kann, wenn man aufdreht. Die Details sind da, und da setzt er sich von der Preisklasse um CHF 600.- dann deutlich ab.
Trotz seiner sehr niedrigen Impedanz braucht er aber Leistung. An einer schwachen Quelle spielt er genau diese beschriebene Qualität nicht aus. Es geht gut, aber es fehlt. Ein portabler Verstärker mit einem eigenen Akku und daher mehr Leistung als die passiven DAC-Amps reicht dazu aber aus.
Der Noire X ist kein anderer AEON 2. Er ist etwas Eigenes. Eher ein kleiner E3. Er ist auf jeden Fall kein „typischer Dan Clark-Kopfhörer“, wie man ihn bis 2024 gekannt hat. Er ist massentauglicher, er spricht jetzt eine deutlich grössere Zielgruppe an. Und diese Entwicklung ist sehr erfreulich! Wer sehr ruhigen und unaufgeregten Dan Clark-Klang sucht – für den gibt es, zumindest im Moment, weiterhin den AEON 2.
Wie immer gilt aber auch hier: Your try - your impression - your choice!