FiiO FT3 - Das erste "Full Size Headphone" von FiiO

Wie schlägt sich der FiiO FT3? Was kann der Mid-Range Kopfhörer von FiiO mit dynamischen Treibern - auch im Vergleich mit dem Hifiman Sundara. 


Von Neel Bechtiger
7 Min. Lesezeit

FiiO FT3 - Das erste "Full Size Headphone" von FiiO

Let’s start: Grundsätzliches

Wir testen: FiiOs Erstlingswerk bei den Full-Size Headphones. FiiO hat sich etabliert, vor allem bei In-Ears und DAC/Amps sind die Chinesen mittlerweile eine feste Grösse im Markt. Was man pauschal sagen kann: Bei FiiO erhält man eine Menge fürs Geld. Klanglich, aber auch was das Material anbelangt. Trifft das auch auf den ersten Fiio-Kopfhörer, den FT3 zu?

FiiO FT3 mit braunem Transportetui, zusätzlichem Ohrpolsterpaar, Anschlusskabel und Steckadaptern

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang

FiiO bleibt sich treu, denn oben geschriebenes passt beim Material schon mal zu 100%. Die Verpackung ist edel, das Zubehör üppig! Der Kopfhörer kommt nicht allein, ein Transportetui mit Reissverschluss, ein zweites Paar Ohrpolster (Hybrid – montiert sind Suede-Pads) und ein Kabel sind mit dabei. Das Kabel ist aber nicht irgendein Kabel, es ist ein intelligentes Kabel :-). 3.0m misst die Strippe und auf der Seite Kopfhörer sind zwei 3.5mm Stecker (2-polig) verbaut. Auf der anderen Seite ist ein 3.5mm Stecker. Der kann aber durch einen 4.4mm Stecker ersetzt werden. Wie bei den In-Ears sind die Stecker am Kabel ersetzbar. Ein Adapter auf 6.3mm (zum 3.5mm) und ein Adapter auf 4-Pin XLR (zum 4.4mm) macht aus einem Kabel zwei, drei, oder vier Kabel. Das ist gut gelöst, ich bin ein Fan.

Zum Anfassen ist der Kopfhörer Klasse. Man wähnt sich mindestens eine Preisklasse höher. Stabil und edel gebaut ist das Teil. Nicht ansatzweise kann man sich hier beschweren. Optisch gefällt mir das «Industrial Design» hervorragend, damit bin ich aber ziemlich allein (ich weiss).

Komfort

Der Komfort ist gut. Mein Kopf ist ziemlich durchschnittlich, was Grösse und Breite anbelangt. Einige Reviewer schreiben, er klemme zu doll. Das kann ich nicht bestätigen. Er ist bequem. Was mir aber auffällt: Nach einiger Zeit ist ein Druck oben auf der Rübe, ich merke die fast 400g. Das Kopfband verteilt das Gewicht nicht optimal. Das ist jetzt aber meckern auf hohem Niveau, denn auch wenn ich den Druck merke, ist er nicht unangenehm.

FiiO FT3 mit abgenommenem Ohrpolster und freiliegendem Treibergitter neben zwei austauschbaren Polstern

Das Entscheidende: Der Klang

Getestet mit dem Originalkabel, unbalanced mit dem SPL Phonitor XE DAC auf Tidal (Max) und den Suede Pads.

Lasst mich diesen Abschnitt mit einer Analogie einleiten. Der FT3 ist wie ein Spaziergang bei Hochnebel mit einem jungen Hund, der Bewegung braucht. Er zerrt an der Leine und kennt nur eine Richtung: Vorwärts! Man muss versuchen Schritt zu halten, und man muss ihn zügeln. Man verliert dabei nie den Boden, sondern eher die schöne Umgebung aus den Augen. Aber es macht Spass und man hat viel Freude daran, an Bewegung und Hund.

Und was hat das jetzt mit dem Kopfhörer zu tun? Ganz einfach: Der FT3 kennt auch nur eine Richtung: Vorwärts! Dabei verliert man die Musik nie aus dem Fokus, die Räumlichkeit leidet aber etwas unter dem Vorwärtsdrang des Hörers. Es macht Spass mit ihm Musik zu hören und das darf auch mal etwas länger sein. Und der Hochnebel? Das passt ganz gut, denn es liegt ein Schleier über der Musik. Der FT3 ist nicht knackig und nicht klar. Das kann man jetzt als Vorteil oder nach Nachteil sehen.

Beim Durchhören meiner Playlist fällt nach einiger Zeit ein Punkt auf. Er kann nicht alles. Gewisse Dinge spielt er wirklich schön, bei anderen ist sein Vorwärtsdrang zu anstrengend. Der Bass ist kontrolliert und nicht übertrieben. Er ist sehr angenehm, stark wenn gefordert und im richtigen Moment geschmeidig rund. Die Mitten driften etwas in den Hintergrund – da hätten wir seine Schwäche – und die Höhen sind angenehm temperiert … ääh … betont ;-).

Zu Beginn mit etwas Pop / Rock spielt der FT3 solide. Ich war überrascht, aber bin ich begeistert? Nein, das wäre das falsche Wort. Es spielt aber mit Freude und mein Fuss hat sich bei Alessandra ein paar Mal auf und ab bewegt. Bei einer Ballade von Brooke Fraser zeigt er, was er kann. Stimmen, eine Gitarre, ruhige, aber kontrollierte Klänge. Hier mag er zu begeistern! Und die Höhen in diesem Kontext? Unaufgeregt, nicht nervig. Hier fällt dieser «Schleier» aber doch auf, die Stimme von Brooke ist etwas bedeckt / benebelt – aber nicht unbedingt unnatürlich.

Bei Elektro und Elektroswing (z.B. Bella Ciao von Klischee) kommt die Analogie von oben zu tragen. Hier gehts zu flott. Er kommt bei der «Komplexität» an seine Grenzen. Rutscht zu forsch über die Details. Und der Raum verliert sich im Vorwärtsdrang. Der Pilot sieht im flotten Landeanflug auch nur den Raum vor sich, zur Seite schauen geht nicht. Auch hier ein aber - es ist nicht so, dass dieser Umstand wahnsinnig störend wäre. Die Schnelligkeit macht durchaus Lust auf mehr.

Und nun noch zu seiner Achillesferse.

Gehen wir zu einem pompösen Orchester oder zu etwas mit Ambiente (Livesituation mit Publikum). Alles gut, alles nett. Aber es fehlen die Emotionen. Diese mag er nicht zu transportieren. Es fehlt nicht an Spielfreude, es fehlt an Raum, es fehlen Layer, es fehlt an Präsenz. Ich mag nicht eintauchen in die Szenerie, habe mein Kopf ständig über Wasser.

Der FT3 macht vieles gut, aber nicht alles. Was er gut macht, macht er dafür gerne auch mal mehr als nur gut.

Schaut euch im Fazit an, was das im Ganzen bedeutet.

FiiO FT3 links und Hifiman Sundara rechts mit unterschiedlichen offenen Ohrmuschelgittern

Der Vergleich: Was tut er im Vergleich zum Hifiman Sundara?

Wer in der Preisklasse CHF 300.- bis 400.- antritt hat (unter anderem) einen Gegner: Den Hifiman Sundara. Deshalb habe ich im ganzen Test immer mal wieder den Sundara zur Hand genommen, um den FT3 besser einordnen zu können.

Der Sundara ist «lieblicher» (was für ein Wort), der Sundara hat eine breitere Bühne, der Sundara hat eine tiefere Bühne. Der Sundara ist vielschichtiger. Der Sundara macht vieles von dem, was ich am FT3 kritisiere, besser. Aber der Sundara ist auch zahmer, der Sundara ist nicht so zackig unterwegs, der Sundara macht nicht so viel Spass, wenn es fetzt. Der Sundara ist und bleibt die Referenz, aber der FT3 muss sich vor dem Sundara nicht verstecken. Im direkten Vergleich fällt der «Nebel» beim FT3 auf. Den hat der Sundara nicht. Ohne direkten Vergleich stört mich das am FT3 aber nicht.

Man könnte sagen der FT3 ist «moderner». Er braust wie ein Rennwagen über die Piste, der Sundara gleitet gemütlich vor sich hin. Ich hinterfrage mich grade, ob diese Aussage zutrifft. Und ja … kann man so sagen. Meine Meinung: Der Sundara ist besser. Weil er mehr «gut» macht. Aber der FT3 macht mehr Spass. Der Sundara passt in eine Sammlung, weil er viele Eigenschaften hat, die nicht jeder Hörer hat – steht der FT3 allein als Upgrade im Raum macht er eine Menge Sinn.

Übrigens

Ich wollte ihn noch gegen den Beyerdynamic DT1990 antreten lassen. Ich habe das aber nach zwei Songs gut sein lassen. Das ist kein Vergleich auf Augenhöhe – und das meine ich nicht wertend. Ich könnte jetzt zwar zwei Seiten schreiben was der FT3 gut und der 1990er schlecht macht (und umgekehrt). Aber der Informationsgehalt? Man vergleicht auch nicht Bus und LKW. Jap, beide fahren 80 auf der Autobahn, beide sind gross und schwer. Aber sie sind nicht fürs gleiche gebaut und deshalb ganz unterschiedlich. Weshalb ich das erwähne: Um euch verklausuliert mitteilen zu können: Der FT3 ist kein Studiokopfhörer und er fühlt sich in diesem Setting nicht wohl. Wie die Fahrgäste auf der Ladepritsche des Lasters – geht schon wenn’s denn irgendwie sein muss, aber eigentlich … nö. Um doch noch kurz einen Satz zu verlieren: Zum Musik hören und geniessen ist der DT1990 einfach gar nicht mal so gut.

Schwarzer FiiO FT3 mit offenem Ohrmuschelgitter und gepolstertem Kopfband in Seitenansicht

Fazit

Ich bin ehrlich: Ich habe mir mehr erhofft und mehr erwartet. FiiO kann’s, wie bei In-Ears und DACs usw. bewiesen wird. Meine Erwartungshaltung war zu hoch? Jein, im ersten Moment schon … der erste Moment war aber nicht bei diesem Test. Als ich mich um die Hifiman Arya gekümmert habe, wanderte der FT3 kurz auf meinen Kopf. Das war niederschmetternd für ihn. Deshalb bin ich mit viel Skepsis in diesen Test, die Vorschlusslorbeeren waren verwelkt und lagen in der grünen Tonne. Umso mehr – und das meine ich jetzt wirklich positiv – hat er mich am Ende dann doch wieder überrascht.

Es ist kein schlechter Kopfhörer! Es macht sogar Spass zu sehen, wie er gegen einen «alten Hasen» wie den Sundara klingt. Zusammen mit dem grosszügigen Lieferumfang und dem Komfort darf man sich nicht beschweren.

Es macht Freude mit ihm Musik zu hören. Die Bässe überzeugen, die Mitten sind schön und die Höhen nerven nicht. Was fehlt ist die Räumlichkeit, die Vielschichtigkeit – und damit ist er auch kein Allrounder. Zudem liegt ein dünner Schleier über der Musik, der ihn nicht so spritzig wirken lässt. Wer sich auf klassische Musik fokussiert, lässt die Finger von ihm. Wer, abgesehen von Klassik, breit hört, macht mit ihm nicht viel falsch. Wenn – und jetzt kommt der Anwendungsbereich – wenn man nicht schon bessere Kopfhörer hat. Als Ergänzung in einer Sammlung macht der FT3 wenig Sinn. Wenn man mit ihm aber die nächste Stufe erreichen will und etwas Solides sucht – go on! Es ist vielleicht ein Kopfhörer für Schweizer. «Scho öppis guets und bequäms, dörf scho au biz öppis choschte, gälledsi!». Er ist ein guter Kompromiss aus Klang vs. Geld. Und ein sehr guter Deal bei Lieferumfang vs. Preisklasse.   

Ein Hinweis sei gesetzt: Der Kopfhörer hat zwar 350 Ohm, hat mit 102 dB aber einen sehr guten Wirkungsgrad. Man braucht keinen Mega-Amp. Aber ein bisschen Leistung soll es sein. Ein Kopfhörerausgang an Laptop / PC wird nicht reichen. Steht man auf der «grünen Wiese» muss man sich bezüglich Verstärker noch Gedanken machen. Oder greift zur 32 Ohm Version – die ich aber hier nicht verglichen habe.

Your try - your impression - your choice!



In diesem Test verwendet:

Die folgenden Produkte haben wir für diesen Test verwendet. Du kannst gerne bei uns vorbeikommen und sie ausprobieren, oder über den Webshop direkt bestellen.

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