Hifiman Isvarna - ein Hybrid-Kopfhörer
Ein Hybrid-Kopfhörer? Wenn ein planarer und ein dynamischer Treiber zusammen spielen. Wir haben den Isvarna einem ausführlichen Test unterzogen. Denn ein Hybrid-Kopfhörer ist nichts Alltägliches. Was kann der Hifiman Isvarna?
Let’s start: Grundsätzliches
Hifiman und geschlossene Kopfhörer – bisher nicht unbedingt die beste aller Kombinationen. So gerne ich den Hifiman-Sound mag und so beliebt die offenen Hifiman-Kopfhörer sind: Bei den geschlossenen Kopfhörern hat man nie so richtig Fuss gefasst. Das liegt auch am etwas verzettelten Sortiment und daran, dass der «Knaller» bisher nicht aufgetaucht ist (auch wenn ich z.B. den Audivina wirklich mag und nicht so richtig verstehe, weshalb er nicht beliebter ist).
Mit dem Isvarna versucht sich Hifiman erneut an diesem Thema. Wie stehen die Zeichen dieses Mal? Sie stehen gar nicht, bin ich zu vermuten geneigt. Denn der Isvarna ist kein alter Wein in neuen Schläuchen, er ist etwas komplett Anderes – zumindest auf dem Papier. Das zeigt, dass Hifiman weiterhin experimentierfreudig bleibt, was an sich ja sehr begrüssenswert ist. Er ist ein hybrider Kopfhörer. In ihm ist sowohl ein dynamischer Treiber als auch ein planarer Treiber verbaut. Es ist nicht der allererste Hybrid-Kopfhörer, den wir kennen (es gab mal etwas von Final), aber es ist der erste mit dieser Kombination. Was das nun klanglich bedeutet, versuchen wir in diesem Test herauszufinden!

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang
Zu welcher Kategorie Hifiman den Isvarna zählt, erfährt man sofort nach dem Öffnen des Kartons, nämlich zur «High-End-Kategorie». Das zeigt die Box, die zum Vorschein kommt. Es ist nicht nur der Karton mit Schaumstoffinnenleben, sondern es ist die edle Kiste mit Leder aussen und Stoff innen. Ebenso liefert man bei den Kabeln einmal das ganze Sortiment mit: XLR, 6.3 mm und 3.5 mm. Das passt absolut zum angestrebten Preis.
Der Hifiman Isvarna überrascht in der Hand. Aufgrund der Optik erwartet man einen schweren, massiven Kopfhörer. Massiv ist er, zumindest in der Grösse. Er ist aber deutlich leichter, als es die Optik vermuten lässt. Er bringt zwar über 460 Gramm auf die Waage, fühlt sich aber deutlich leichter an.
Haptisch ist der Isvarna ein Hifiman. Das meine ich nicht wertend, denn stabil ist die Konstruktion. Hifiman hat sich in den letzten Jahren da in eine erfreuliche Richtung entwickelt und wirklich kritisieren kann man diesen Punkt nicht mehr.
Ein Hinweis zu seiner Bauform: Die Muschel ist geschlossen, aber der Kopfhörer als Ganzes ist eher semi-geschlossen. Die passive Isolation ist nicht 100 %, was sicherlich am (angenehm) leichten Anpressdruck und an den Reflektoren liegt. Es gibt geschlossenere geschlossene Kopfhörer. Er ist aber geschlossen genug, dass man sich abkapseln kann und in einer normalen Umgebung auch niemanden stört. Für das mucksmäuschenstille Schlafzimmer oder die lärmige S-Bahn ist er aber zu offen.
Zur technischen Seite
Das Hybridsystem ist genauso aufgebaut, wie man es vermutet. Der dynamische Treiber ist für die tiefen Frequenzen zuständig, der Planar-Treiber kümmert sich um die Mitten und Höhen. Ob der Schnitt bzw. der Übergang bei einem Kopfhörer dieser Klasse hörbar ist, wird hoffentlich der Test verraten. Mit nur 16 Ohm hat der Isvarna eine sehr tiefe Impedanz, womit Hifiman dem aktuellen Trend folgt. Der Wirkungsgrad ist mit 93 dB ebenfalls eher niedrig, was darauf schliessen lässt, dass er mehr Leistung benötigt, als es die 16 Ohm vermuten lassen.

Das Entscheidende - der Klang
Der Hifiman Isvarna wird an meinem Standard-Setting von SPL verwendet. Oder doch nicht? Ich versuche mal, das Impedanzrauschen rauszuhören … und ja. Ich wechsle sofort zum FiiO K17 (über XLR), mit dem SPL wird das nichts, der kommt mit den 16 Ohm nicht klar.
Der erste Eindruck am K17 ist: mässig. Das klingt nach wenig. Laut hören geht, leise hören geht. Ich bewege mich im Medium-Gain irgendwo bei 70 bis 80 in der 100er-Volumenskala des K17. Ich beginne, mich durch die Playlist durchzuhören, und Begriffe wie «trockener Bass» schwirren in meinem Kopf. Dann die Idee: Was geschieht, wenn ich den Gain mal raufschraube? Dann bin ich zwar in den 40ern in der Skala, aber siehe da, da kommt mehr.
Es ist das, was ich jetzt mal als «Susvara-Effekt» betitele. Es fehlt bei weniger Leistung nicht an Volumen, aber es fehlt an allem anderen. Damit der Hifiman Isvarna seine Qualität ausspielen kann, ist viel Leistung wichtig. Wichtiger als bei den meisten anderen Kopfhörern. Der Unterschied ist gewaltig. Ist der K17-Gain erst einmal auf «super» gestellt, merke ich langsam, dass der geforderte Preis nicht einfach utopisch hoch liegt. Also beginne ich mit meiner Playlist nochmals von vorne.
Ich achte jetzt, wo der Gesamteindruck stimmt, vor allem auf die Abstimmung. Wo treffen dynamisch und planar aufeinander und wie harmonieren die beiden?
Bass (der Job des dynamischen Treibers):
Trocken umschreibt ihn (immer noch) sehr gut. Wohlig temperiert, quantitativ stark, qualitativ sauber, aber trocken. Was ich damit meine: Es kommt nur dann Stimmung auf, wenn im Mixing beim Bass eine «Extraschippe» draufgelegt wurde. Wie bei Billie Eilish, das ist fantastisch. Bei einem Orchester ist aber alles etwas emotionslos. Ich vermisse den Körper der Bässe. Aber ICH vermisse den Körper, das ist sehr subjektiv.
Mitten
Hier spielt jetzt der Planar-Treiber, oder doch nicht? Der Übergang muss irgendwo sein, aber er ist nicht hörbar. Das klingt positiv, ist auch so gemeint. Den negativen Touch, den man aus der Aussage herauslesen kann, kann ich aber auch erklären. Die Mitten neigen dazu, unterzugehen, und die Dynamik von unten übertönt sie. Als ob der dynamische Treiber dem planaren den Platz wegnimmt. Das ist bei Singer-Songwritern und/oder ruhiger Musik überhaupt kein Problem, bei komplexen Aufnahmen aber irritierend. Ehrlicherweise: Je länger man hört, desto mehr ignoriert man es. Die Abstimmung passt und ist gut gewählt.
Höhen
Die sind schön neutral. Nicht giftig, nicht überspitzt. Auch bei höheren Lautstärken angenehm. Die Feinheiten sind zu hören und übertreiben nicht. Was mir sehr gut gefällt, aber nicht zum Bass passt. Kann man diese Abstimmung jetzt dem Hybrid-System zuschreiben? Im Bassbereich ist der Hörer nicht neutral, in den Höhen aber schon. Bei dem, was der Isvarna im Bassbereich tut, erwartet man eigentlich spritzigere und dynamischere Höhen.
Die Räumlichkeit
Das kommt vor allem im Vergleich unten zur Sprache. Für sich allein ist die Räumlichkeit für einen geschlossenen Kopfhörer sehr in Ordnung. Er spielt nicht nur «im Kopf», sondern der Raum hat seine Grösse. Ich habe die Räumlichkeit nicht vermisst, da gibt es einige Hörer, die nicht im Ansatz herankommen.

Der Vergleich: Hifiman Isvarna vs. ZMF Atrium Closed
Mit was soll ich ihn vergleichen? Technisch gibt es nichts Vergleichbares. Soll ich mir einen zweiten Hifiman schnappen? Oder etwas ganz anderes? Ich nehme den ZMF Atrium Closed. Einerseits, weil er preislich in einer ähnlichen Liga spielt, andererseits, weil ich ihn bereits ausführlich getestet habe und ihr so eine Vergleichsgrösse habt. Zudem ist die Räumlichkeit des Atrium sensationell, das hilft, den Hifiman Isvarna einordnen zu können. Ja, und auch, weil mir der ZMF einfach gefällt.
Beginnen wir doch gleich mit der Räumlichkeit. Zum Vergleich darf das Publikum des Gurten Festivals wieder Stimmung machen. Was der Hifiman Isvarna liefert, ist respektabel. Was der ZMF Atrium Closed liefert, ist phänomenal. Dass der Isvarna da nicht mitkommt, war zu erwarten. Wenn der Atrium eine 10/10 bekommt, bewegt sich der Isvarna auf einer soliden 6/10.
Der ZMF Atrium Closed ist ein reiner dynamischer Kopfhörer. Eher auf der neutralen Seite des Spektrums Spass <-> linear. Das kann man alles 1:1 raushören. Die Bässe sind kontrollierter, aber trotzdem lebendiger. Die Mitten sind präsenter – die Höhen sind ziemlich vergleichbar. Alles in allem ist der Atrium in sich stimmiger. Die Abstimmung ist konsequent und über das ganze Frequenzspektrum aus einem Guss.
Vom Komfort her hat der Isvarna, vor allem aufgrund des geringeren Gewichts, die Nase vorne. Optisch - siehe das nächste Bild - könnten die beiden kaum gegensätzlicher sein :-).

Fazit
Und wie bilanziert man diesen Test jetzt am besten? Ich mag mutige Entwickler, die sich auch mal etwas trauen. Ich mag den Hifiman Isvarna wegen seinem Komfort und seinem Gewicht. Ich mag den Bass des Isvarna, der wohl etwas trocken, aber dafür qualitativ und quantitativ sehr angenehm ist. Der dynamische Treiber, der für die tiefen Frequenzen zuständig ist, strahlt etwas in die Mitten ab und nimmt dem Planar-Treiber Platz weg. Über die Höhen kann man nichts Negatives sagen, da ist er zurückhaltend angenehm. So trifft ein dynamischer Tieftonbereich auf einen neutralen Hochtonbereich. Das ist im ersten Moment irritierend und ungewohnt, aber ist es schlecht? Irgendwie nicht, es ist erfrischend anders.
Die Räumlichkeit ist nicht best-in-class, aber für einen geschlossenen Kopfhörer gut. Im Vergleich zum Atrium Closed fällt er aber in diesem Punkt ab.
Der Hifiman Isvarna ist spannend genug, um ihm auf jeden Fall eine Chance im Hörvergleich zu geben, für alle, die einen geschlossenen High-End-Kopfhörer in dieser Liga suchen. Zu verstecken braucht er sich nicht. Er wird aber nicht jeden Geschmack treffen. Und dies finde ich – klingt komisch – wirklich gut! Ein Kopfhörer in dieser Liga muss nicht jedem gefallen, er darf «speziell» sein. Denn dann spricht er vielleicht genau dich an, weil er eben Dinge anders macht als andere. Und ich bin mir sicher, es gibt Leute da draussen, welche die Irritation des ersten Eindrucks ablegen und einen grossen Gefallen an ihm finden.
Wie immer gilt aber auch hier: Your try - your impression - your choice!