Meze Audio 105 AER
Meze prescht in den Mid-Range Bereich bei offenen Kopfhörern vor. Was kann der 105 AER und für wen ist er gedacht? Wir haben den 105 AER getestet und gegen den 109 PRO antreten lassen.
Let’s start: Grundsätzliches
Meze Audio, ganz aus dem Nordwesten Rumäniens, ist seit 2016 auf dem Schweizer Markt präsent. In den letzten Jahren hat sich Meze zu einer Grösse im Markt entwickelt. Mit dem Empyrean wurde zudem eine Referenz bei den offenen High-End-Kopfhörern geschaffen. Meze hat ein kleines, aber feines Sortiment, welches (so haben es kleine Sortimente an sich) einige Löcher aufweist. Mit dem 105 AER stopft Meze ein Loch und rundet das Sortiment der offenen Kopfhörer nach unten hin ab.
Im Preisbereich um CHF 400.– ist er zwar nicht "low level", aber trotzdem wird der Preis des bisher günstigsten offenen Modells 109 PRO halbiert. Optisch kann sich der 105 AER dem Meze-Stammbaum nicht entziehen. Die Konstruktion ist praktisch identisch zum 109 PRO, die Aufhängung, die Polster und auch die Befestigung von Kopf- und Ohrpolstern. Die verwendeten Materialien sind aber günstiger – der äussere Ring ist zum Beispiel aus Kunststoff und nicht aus Holz.
Im Innern steckt ein 50 mm grosser dynamischer Treiber mit 42 Ohm Impedanz und einem (messbaren) Frequenzspektrum von 3 – 30'000 Hz. Kommt uns das nicht etwas bekannt vor? Doch genau, beim 109 PRO sieht das fast genau so aus. Ist der 105 AER etwa einfach eine „günstige Version“ des 109 PRO? Beim 99 Classics / Neo macht Meze ja genau dies, man spart beim Material, verbaut ansonsten aber gleiches … da nennt man es aber nicht anders. Nun denn – es wird spannend!

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang
Eine unspektakuläre Kiste mit einem feinen Inhalt. Der Kopfhörer liegt im stabilen Transportetui. Das Kabel wohnt in einem zusätzlichen Stoffcase innerhalb des Etuis. Ob ein offener Kopfhörer tatsächlich ein Transportcase in diesem Ausmass braucht, lasse ich mal im Raum stehen – mir gefällt’s, und Cases kann man nie genug haben.
Die Haptik des 105 AER kann mit den hohen Erwartungen mithalten.
Bügel, Polsterung, Konstruktion – der Kopfhörer fühlt sich in der Hand so an, wie er aussieht. Edel, stabil und jeden Rappen wert. Dass der Kopfhörer dabei auch einfach zu reparieren ist, ist das Tüpfelchen auf dem i. Die Polster sind exakt wie beim 109 PRO, es ist ein Hybrid-Polster aus Stoff und Leder. Wobei der Kontakt mit der Haut ausschliesslich mit dem Stoff erfolgt. Die Polster sind angenehm weich und ganz einfach selbst ersetzbar.
An einem Ort hat mich Meze etwas verloren: beim Kabel. Meze hat schon für jedes Modell eigene Kabel und eigentlich auch tolle Upgrade-Kabel für die 99er oder den 109er. Warum muss man beim 105 AER wieder ein neues Kabel erfinden? Und warum nimmt man ein Kabel, das haptisch nicht mit dem ganzen Rest mithalten kann? Der Eindruck entsteht, man wolle mit Zusatzverkäufen beim Kabel mehr Geld in die Kasse spülen – ich will das bei Meze aber nicht glauben. Immerhin: die beidseitigen 3,5-mm-Buchsen am 105 AER sind nicht versenkt, und so passt jedes Kabel hinein.

Das Entscheidende - der Klang:
Ich teste den Meze 105 AER nicht an meinem üblichen Test-Setup mit dem SPL-Verstärker, sondern bewusst an einer „realistischen Kombo“. Das Kabel kommt nämlich in den iFi ZEN DAC 3 (um CHF 230.–), bespielt über USB mit Tidal. Damit weiche ich zwar vom üblichen Testverfahren etwas ab – aber ich will fair bleiben für alle. Zudem baut iFi fantastische Geräte.
War es eine Vorahnung oder warum habe ich den ZEN DAC 3 gewählt? Denn dieser kleine Verstärker hat da so einen Knopf auf der Front, X-Bass steht drauf. Und über alles, was ich gehört habe, musste ich mich immer zurücknehmen, um diesen Knopf nicht zu drücken.
Lasst mich aber etwas ausholen
An der High-End in München anno 2024 stand der 105 AER etwas unerwartet auf dem Meze-Tresen. Ohne Preisschild, was doch mal ganz spannend war. Ich habe ihn gehört und ihn spontan, ohne den Preis zu kennen, auf etwa 500.– geschätzt. Dass ich damit um CHF 100.– daneben lag (und zwar in „die gute Richtung“) ist ja eigentlich schon mal erfreulich. Was mir jetzt beim Probehören aufgefallen ist, habe ich damals schon geahnt.
Ich stelle mir die Frage: Weshalb will der Kopf immer den X-Bass-Knopf drücken? Ich weiss es nun, starte die Erklärung aber mit einer weiteren Frage. Meze, wo wollt ihr den 105 AER platzieren? Was ist die Idee dahinter? Ich kenne die Marketingtexte, aber was ist wirklich die Idee?
Die Abstimmung will „modern“ sein, die Abstimmung will dynamisch sein. Also alles auf Spass getrimmt. Anders kann ich mir die Anhebung der hohen Mitten und die Höhen nicht erklären. Das macht tatsächlich Spass. Das wird Meze genauso beabsichtigen. Was dabei aber fehlt, ist der Druck im Bass, vor allem im Subbass. Da untenrum ist er gezügelt, da vermisse ich den Punch. Also will Meze ihn eher als „easy listening“-Kopfhörer platzieren?
Diese dynamische Abstimmung lädt dazu ein, eher laut(er) zu hören. Das musste ich auch, um im Bassbereich den Druck zu haben, den ich mir wünsche. Aber das tut in den Ohren weh bei den Höhen. Also leiser hören – aber dann fehlt mir etwas. Und da kommt dieser X-Bass-Knopf ins Spiel vom iFi ZEN DAC 3. Der hebt da unten ein bisschen etwas an, und sofort ist die Dynamik da, die ich ohne diesen Filter vermisse. Ich mag keine Filter, ich mag keine Equalizer. Aber hier ist es ein Gewinn. Ob ich das gut finde, weiss ich ehrlicherweise nicht.
Um ein richtiger Spasskopfhörer zu sein, fehlt es an Bassdruck. Um gemütlich zu spielen, ist er im oberen Bereich zu doll angehoben. Diese Kombination ist … ich bin irritiert.
Was kann er richtig gut
Gemütliche Musik spielt er tadellos. Mark Knopfler, Piano Guys, Brooke Fraser, Patent Ochsner oder auch „The Sound of Silence“ von Disturbed. Das macht Spass, das gefällt. Wird es aber weniger „gemütlich“, dann kommt das oben ins Spiel. Bei „Fearless“ von Thomas Bergersen, „Bella Ciao“ von Klischee oder „Human“ von Rag’n Bone Man fehlt’s. Also genau da, wo der volle Dynamikumfang stimmen muss. Das ist aber nicht zwingend die Auflösung, es ist eher die Abstimmung. Thema Auflösung nur kurz: Das macht der 105 AER sehr gut. Er tut tendenziell mehr, als was in diesem Preisbereich erwartet werden darf.
Ich merke gerade, ich sollte meine Erwartungen zügeln. Wir sprechen über einen Kopfhörer deutlich unter CHF 500.–. Das vergisst man gerne, wenn man ihn trägt. Denn es ist ein offener Meze-Kopfhörer :-). Räumlichkeit: Den 105 AER als Wunder zu bezeichnen, wäre falsch. Ihn deswegen zu kritisieren, aber auch vermessen. Sagen wir es so, er kommt nicht an die Räumlichkeit der besten (auch in diesem Preisbereich) heran. Ein Hifiman Sundara macht mehr. Aber die Musik kommt auch nicht zweidimensional nur von vorn. Meine absolute Referenz (eine Liveaufnahme von Patent Ochsner) ist atmosphärisch, aber so richtig im Publikum drin wähnt man sich nicht. Wie lautet ein nicht ganz ernst gemeintes schwäbisches Sprichwort: „Net gschimpft isch Lob genug.“ Und die Aussage kann man so nehmen.
Was das alles in der Summe bedeutet, findet man im Fazit.

Der Vergleich: Was macht er anders als der bekannte Meze 109 PRO?
Wer den 109 PRO nicht kennt, fragt sich jetzt: Ist der 105 AER einfach eine günstigere Version davon (wie erwähnt), oder macht der 109 PRO alles besser? Wer den 109 PRO kennt, weiss: Nein, der 105 AER hat anders gelagerte Probleme. Im direkten Vergleich erkennt man aber die Verwandtschaft, das steht ausser Frage.
Der 109 PRO gilt gemeinhin als „Bassmonster“ – dieses Attribut unterstelle ich ihm auch. Aber er ist ein ehrliches Bassmonster mit sehr viel Dynamik, der dafür bekannt und gemocht wird. Der 109 PRO ist in der Abstimmung stimmiger, und die Intention dahinter ist klar.
Im Bassbereich ist beim 109 PRO mehr Fleisch am Knochen, die Abstimmung ist ehrlicher, und in der ganzen Dynamik stört dieses „etwas mehr“ nicht. Dem einen oder anderen ist es halt etwas zu viel. Auch Auflösung und Räumlichkeit macht der 109 PRO besser. Diese Punkte gehen an den alten Hasen. Der 109 PRO wirkt über alles „offener“.
Der 105 AER mag da nicht mithalten. Der Preisunterschied ist beachtlich, daher ist der Vergleich auch nicht ganz fair, wenn man die Qualität objektiv bewertet. Ich sage dazu einfach: Der 105 AER ist kein „ein bisschen günstigerer“ 109 PRO, er ist anders. Er ist braver aber und etwas neutraler, mit weniger Auflösung und Räumlichkeit.

Fazit:
Man mag vergessen, in welchem Preisbereich sich der Meze 105 AER bewegt. Dafür darf man ihn nicht kritisieren; man ist sich von Meze bei offenen Kopfhörern ansonsten einfach etwas mehr gewohnt – auch im Preis. Die Abstimmung, die Meze gewählt hat, irritiert mich zeitweise. Er ist dynamisch, er will Spass machen und er treibt. Aber um da vollends zu überzeugen, fehlt ihm der letzte Bassdruck.
Bei ruhiger und „einfacher“ Musik macht er sehr viel Spass und er vermittelt Spielfreude, die Auflösung und auch die Räumlichkeit stimmen und sind absolut fair bepreist. Ist die Musik pompös und komplex – oder auf den Bassdruck in der Dynamik angewiesen – dann ist er immer noch gut, aber nicht mehr zweifelsfrei für jeden die richtige Entscheidung. Man will ihn dann lauter hören, was aber bei den Höhen dann giftig wird. Dreht man die Lautstärke runter, verliert er die Dynamik. Diese Schwäche kann man ihm per EQ oder Filter austreiben – und dann macht das eine Menge Freude.
Was Meze kann, ist Haptik, Optik, Komfort und das ganze Drumherum. Der 105 AER ist gut verarbeitet mit adäquaten Materialien, hat sehr weiche und grosse Polster und ein fantastisch gutes Bügelsystem. Da hat sich Meze überhaupt nichts vorzuwerfen. Einzig beim Kabel … aber da spricht der Kleingeist, der weiss, was Meze ansonsten eigentlich alles in der Schublade hätte.
Im Vergleich zum Meze 109 PRO fällt der 105 AER ab. Auflösung, Räumlichkeit und Abstimmung gefallen mir beim 109 besser – aber er ist auch doppelt so teuer.
Der Meze 105 AER bietet ein gutes Gesamtpaket. Preis/Leistung sind fair. Die Abstimmung ist nicht über alle Zweifel erhaben, aber das ist meine subjektive Meinung. Wem es so gefällt (oder wer am EQ drehen mag), bekommt als Gegenleistung für sein Geld einen modern abgestimmten, dynamischen Kopfhörer, der bequem, solide verarbeitet und reichlich ausgestattet ist. Und wer noch etwas in ein Kabel investiert, hat dann sogar vielleicht noch mehr Freude daran.
Wie immer gilt aber auch hier: Your try - your impression - your choice!