Shanling HW600 – der erste Full-Size Kopfhörer von Shanling

Was kann das erste "Full-Size-Headphone" von Shanling? Wir haben den Kopfhörer ausgiebig getestet und mit dem LCD-2 verglichen.


Von Neel Bechtiger
9 Min. Lesezeit

Shanling HW600 – der erste Full-Size Kopfhörer von Shanling

Let’s start: Grundsätzliches

Shanling ist bekannt als Hersteller von Elektronik, insbesondere von DAPs (Digital Audio Player) und DAC-Amps (Digital-Analog-Wandler mit Verstärker) – sowohl portabel als auch stationär. Eine Neuheit, die Shanling auf der High-End 2024 in München „unter der Theke“ fast stillschweigend präsentiert hat, weckte unser Interesse: das erste Full-Size-Headphone. Oder einfacher gesagt: der erste richtige Kopfhörer von Shanling.

Was bedeutet „Interesse geweckt“? Es sind diese Momente, in denen man denkt: Ui! Denn Shanling hat bereits bewiesen, dass sie es können. Ein Kopfhörer aus dem Nichts könnte ein absoluter Knaller oder ein Rohrkrepierer, also ein gescheitertes Projekt, sein.

Shanling HW600 ist der etwas klobige Name, der auch mit viel Fantasie irgendwie schwer zuzuordnen ist. Nur eines scheint offensichtlich: Mit der Zahl 600 lässt man sich die Möglichkeit offen, das Sortiment nach unten oder oben zu erweitern. Ob es vielleicht bald noch mehr HW-Modelle geben wird? In München liess sich Shanling diesbezüglich nichts entlocken. Aber vielleicht schauen wir uns erst einmal den HW600 an, bevor wir zu lange über mögliche Zukunftspläne spekulieren.

Betrachten wir ihn objektiv

Was versprechen die Spezifikationen des HW600? Mit seinem Frequenzspektrum von 12 – 40'000 Hertz spielt er in einer normalen Liga. Mit einer Impedanz von 30 Ohm und einem Wirkungsgrad von 104 dB scheint er recht einfach anzutreiben zu sein. Diese Werte platzieren ihn weit vorne in der Liste der „anspruchslosen Kopfhörer“, was die Verstärkerleistung betrifft. 104 dB sind eine Ansage.

Die grosse, ovale Membran klingt interessant – vor allem, weil sie gross ist! Shanling wirbt mit „Extended Range from Lows to Highs“ und „Enhanced Dynamics“ – wir sind alle schon zu lange im Business, als dass uns solche Floskeln auch nur ein Wimpernzucken entlocken könnten. Was sich kluge Köpfe in PR-Abteilungen ausdenken, muss sich klanglich beweisen.

Schwarzer Shanling HW600 mit goldfarbenen Bügelstreben und Anschlusskabel vor seiner Verpackung

Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang

Alles beginnt mit einer eher unscheinbaren, aber soliden Verpackung. Öffnet man diese, kommt der gut gepolsterte HW600 zum Vorschein. Wer weiter in der Kiste sucht, findet das Kabel. Das Kabel, in der Einzahl. Es misst 1,5 m und hat einen 4,4-mm-Anschluss. Wer noch weiter sucht, sucht vergeblich: Einen Adapter von 4,4 mm auf 3,5 mm oder gar 6,3 mm findet man nicht. Ein Blick in die Beschreibung verrät – wir halten tatsächlich schon alles in den Händen. Ich bin geneigt zu schreiben: Ein bisschen mehr dürfte es schon sein. Zumindest ein Adapter wäre schön.

Aber echauffieren wir uns nicht darüber, was nicht dabei ist, sondern erfreuen uns an der Realität. Der Kopfhörer hat – und ich bin ein grosser Fan – beidseitige 3,5-mm-Anschlüsse für das Kabel. Das ist gut, weil es eine grosse Auswahl an Alternativen bzw. Upgrades gibt, ob nun von ZMF, Meze oder von wem auch immer. In diesem Test bleiben wir jedoch ausschliesslich beim Kabel, wie es aus der Box kommt. Laut Beschreibung von Shanling handelt es sich dabei übrigens um ein Kupferkabel.

Was das Zubehör angeht – das ist alles kein Problem.

Am Beispiel des Zubehörs zum ZMF Bokeh sieht man, dass es für den HW600 eigentlich alles gibt, was man sich wünscht, wenn man denn will ;-).

Shanling HW600 im geöffneten, hell gepolsterten Transportetui mit silberfarbenem Anschlusskabel

Der erste Eindruck vom Kopfhörer in der Hand ist „oho“. Edel! Das ist ein Kopfhörer, der in natura besser zur Geltung kommt als auf den Bildern. Meistens ist es andersherum. Die 480 g liegen gut in der Hand, das Aluminiumgehäuse macht einen hervorragend verarbeiteten Eindruck. Das Kopfband besteht aus Lammleder, und die Ohrpolster sind ein Hybridpad aus perforiertem Lammleder und Stoff. Die Höhenverstellung erinnert im ersten Moment an Meze … mit dem Unterschied, dass die Grössenverstellung hier in 9 Stufen erfolgt und nicht stufenlos. Hm, eigentlich erinnert optisch noch mehr an den Meze Empyrean, wenn man genau hinschaut.

Das Gitter auf der Aussenseite der Muschel ist sehr fein gefräst (oder gelasert?), was auf den ersten Blick die Vermutung aufkommen lässt, dass es sich um einen geschlossenen Kopfhörer handelt. Aber nein, er ist offen (und wird auch so beworben). Er ist sogar richtig offen und bietet praktisch keine Isolation nach aussen.

Dreieckig perforiertes schwarzes Ohrmuschelgitter des Shanling HW600 mit Shanling-Schriftzug

Das Headband des HW600 hat eine Funktion: eine angenehme Gewichtsverteilung der 480 g auf dem Kopf. Und das gelingt ebenso gut wie bei allen Kopfhörern mit diesem System – Shanling erfindet das Rad nicht neu. Auf meinem Kopf empfinde ich den Shanling als „sehr bequem“. Was auffällt: Ich muss ihn in der kleinsten Grösseneinstellung nutzen. Für Menschen mit einem noch kleineren Kopf könnte es knapp werden. Da ich jedoch bei über 50 % der Kopfhörer die kleinste Einstellung nutze, möchte ich hier keinen falschen Alarmismus betreiben.

Shanling HW600 mit perforierten Ohrpolstern und goldfarbenen Bügelstreben in Nahaufnahme

Entscheidend: Der Klang

Ich habe mich sehr auf den HW600 gefreut, denn es ist mal wieder etwas ganz Neues – ohne Vorgänger, ohne kleinere oder grössere Geschwister. Ich habe bewusst keine Reviews gelesen und ihn extra vor dem Einspielen nicht „mal kurz“ aufgesetzt. Ich möchte mit frischen Ohren und absolut unvoreingenommen an diesen Test herangehen.

Ich nutze mein Standard-Setup

Den SPL Phonitor XE DAC mit Tidal-Streaming. Wie erwähnt, verwende ich das Originalkabel von Shanling (mit einem Adapter auf XLR). Die erste Amtshandlung: Verstärker umdrehen und den Gain herunterstellen. Mir begegnet nämlich ein unüberhörbares Impedanzrauschen – bei den Spezifikationen des HW600 wenig überraschend. Also kann ich schon mal vorwarnen: Verstärker mit viel Leistung müssen gezügelt werden.

Ich höre mich quer durch meine Playlist – Pop, Rock, Klassik, Elektroswing, etwas Orchestrales und Live-Aufnahmen. Es fällt mir nicht leicht, viel über seine Qualitäten zu sagen – und das bitte im positiven Sinne. Was mich immer wieder begeistert, sind die transportierten Emotionen. Emotionen, die ich persönlich mit bestimmten Stücken verbinde, bringt der Shanling HW600 direkt unter die Haut. Musik, die ich höre, um ihn möglichst objektiv zu beurteilen, lässt mich dagegen eher kalt – kälter als bei anderen Kopfhörern. Doch ohne das jetzt vertiefen zu wollen: Musik = Emotionen, und positive Emotionen = gut.

Er transportiert also Emotionen, sei es in der Livesituation des Gurten-Festivals, bei einer Live-Aufnahme von Klaus Badelt oder auch bei Elektroswing von Klischée. Die Musik umhüllt den ganzen Kopf mit einer wohligen Wärme. Er fügt etwas hinzu, wo es nötig ist (in den Mitten), nimmt aber nichts weg, was man vermissen würde. Warum vermag er jedoch nichts zu wecken bei Musik, mit der ich keine direkte Verbindung habe? Er spielt weder extrem dynamisch noch extrem im Bass- oder Hochtonbereich. Auch in den Mitten spielt er nicht auffallend intensiv. Stattdessen spielt er einfach vor sich hin – Effekthascherei ist ihm fremd. Musik, die auf solche Effekte angewiesen ist (moderne Welt @2024 und so), lässt er gnadenlos alt aussehen. Wo der Bass rumpeln müsste, rumpelt überhaupt nichts, und wo die Höhen pfeifen müssten, pfeift nichts. Die dezente Darstellung der Höhen bewerte ich sehr positiv; beim Bass bin ich jedoch zwiegespalten. Mir scheint, er ist schlicht nicht in der Lage, im Bassbereich Qualität und eine gewisse Quantität zu verbinden. Was er versucht, ist eine gute Mischung, doch das gelingt nicht immer: In komplexen Subbass-Passagen fehlt es schlicht an Qualität. Er gleitet darüber hinweg – nicht unangenehm, aber ein LCD-2 (siehe weiter unten) bildet hier deutlich mehr ab.

Was mir ebenfalls auffällt: Ich neige dazu, bei jedem Stück die Lautstärke nach unten zu regeln. Selbst bei Songs ohne störende Frequenzen ist die Lautstärke einfach nicht nötig, ja sogar störend. Es ist nicht so, dass er in irgendeinem Bereich nervt, aber viel Lautstärke hilft ihm einfach nicht. Zusammengefasst: Es wird nicht besser, nur lauter. Das fällt vor allem im Bassbereich auf. Wo man mehr Dynamik erwartet, kommt einfach nicht mehr Dynamik.

Die Höhen nerven nicht, zumindest nicht, solange man die Lautstärke in Grenzen hält. Die Mitten sind klar, die Stimmen gefallen, und akustische Instrumente haben eine äusserst angenehme Natürlichkeit. Auf dieses Fazit werde ich noch einmal genauer eingehen.

Nach der Session am Phonitor gönnte ich mir noch eine kurze Runde am Shanling UA6

Einem Dongle-DAC ohne Akku, der nur die 5 V aus der USB-Buchse nutzt. Und das funktioniert einwandfrei – was die technischen Daten erwarten lassen. Der HW600 reagiert sofort auf den Verstärker und lässt somit viel Spielraum, was klangliche Färbung angeht. Am UA6 wirkt die Musik insgesamt ein paar dB weiter nach unten verschoben. Während dies dem Bassbereich zugutekommt, fehlt dann jedoch die Präsenz in den Mitten. Somit lässt sich sagen: Er ist einfach zu treiben, aber nicht leicht „perfekt“ zu treiben (ihr versteht? ;-)). Doch in Bezug auf Auflösung und Kraft kommt so ein „schwachbrüstiger“ DAC-Amp durchaus mit!

Shanling HW600 mit schwarzen Ohrmuscheln links und Audeze LCD-2 mit Holz-Ohrmuscheln rechts

Der Vergleich: Wie anders ist er als der Audeze LCD-2?

Warum der Audeze LCD-2? Weil es einer der «dienstältesten» planaren Kopfhörer ist im gleichen Preisbereich. Er ist beliebt und er ist bekannt. Warum also nicht ein Urgestein und den Jungspund HW600 vergleichen?

Was sofort auffällt: der Shanling ist bequemer. Das ist nun keine Überraschung, wenn man die Audeze kennt. Der HW600 hat 480g, der LCD-2 deren 565g. Das ist kein riesiger Unterschied, auf dem Kopf merkt man das aber. Die Gewichtsverteilung ist ähnlich, beide arbeiten mit dem einen grossen Kopfband, welches auf der ganzen Rübe anliegt (oder anliegen soll).

Klanglich ist der LCD-2 eine ganze Runde gemütlicher. Es fühlt sich an, als würde er eine Etage weiter unten spielen. Nicht im Sinne von «schlechter», sondern als spiele sich die ganze Musik ein paar Hertz weiter unten im Frequenzspektrum ab. Das fällt im Bassbereich vor allem auf. Da bietet der LCD-2 mehr Fleisch. Es geschieht mehr, es ist mehr Substanz da – und mehr Details. Im direkten Vergleich merkt man, wie der HW600 im Bassbereich zu wenig tief in die Frequenzen gräbt, sondern mehr oder weniger drüber huscht. Den Spagat zwischen Quantität und Qualität macht der Audeze besser. Punkt.

Das Bild dreht bei den Mitten. Da ist der HW600 präsenter, und er wirkt gerade bei Instrumenten natürlicher. Das macht mehr Freude, und lässt vergessen, was unten fehlt. Die Räumlichkeit ist beim HW600 besser, nicht massiv oder um Längen, aber sie ist besser. Da kommt der LCD-2 nicht mit (da wäre dann eher ein LCD-3 von Nöten).

Alles in allem weiss ich nicht, ob ich den HW600 dem LCD-2 vorziehen würde. Es ist wie so oft: es liegt am Geschmack und an der Referenz, welchen der beiden Hörer man bevorzugt.

Shanling HW600 neben seinem schwarzen geflochtenen Anschlusskabel

Fazit

Der HW600 muss sich nicht verstecken. Shanling hat grundsolide Arbeit abgeliefert. Das Rad wurde aber nicht neu erfunden oder runder gemacht als es bereits ist (wer so etwas erwartet, sollte an seinem expectation-management arbeiten ;-)).

Der Lieferumfang dürfte üppiger sein – da sich Shanling aber an gängige Standards hält, gibt’s reichlich Zubehör von anderen. Dafür überzeugt die Haptik, Optik und der Tragekomfort. Aufpassen muss man bei Verstärkern mit viel Leistung und einer hohen Ausgangsimpedanz. Das bekommt ihm nicht.

Der HW600 kann in dieser Preisklasse das Produkt der Wahl sein. Deshalb mag ich ihn. Der grösste Pluspunkt ist seine Fähigkeit, Emotionen zu transportieren. Die räumliche Darstellung ist deutlich besser als bei einem durchschnittlichen Hörer (und als beim direkt verglichenen LCD-2). Er mag aber keine Effekthascherei und verzeiht diese nicht. Er verzeiht auch keine schlechten Aufnahmen. Da kommt er an seine Grenzen, und gerade im Bassbereich darf man dann nicht zu genau hinhören.

Er ist ein «easy listening» Hörer für Leute, die gerne eher leise (oder leiser) hören. Dreht man zu laut, beginnen Mitten und Höhen tendenziell zu stören, ohne dass im Bassbereich aber der gewünschte Effekt (=mehr Quantität + Qualität) wirklich auftritt.

Mir gefällt seine Natürlichkeit, mir gefällt, dass er leiser besser klingt als lauter. Mir gefällt seine sehr einnehmende Art. Da ich keine Punkte vergebe in diesen Tests (bin ich froh!) muss ich ja nichts weiter dazu schreiben. Es bleibt zu sagen: suchst du einen offenen Kopfhörer um die 1000 Franken und hörst ein breites Spektrum – nimm ihn mit auf die Bucket-List.

Einen alten Hasen wie den LCD-2 fegt er nicht vom Platz. Dazu macht der Audeze im Bassbereich zu viel richtig, dafür ist der LCD-2 zu angenehm im Ganzen. Aber bezüglich der Räumlichkeit schlägt er ihn.

Noch zu sagen: Verstärkung ist bei ihm ein Thema, welchem man etwas mehr Beachtung schenken muss als bei anderen Kopfhörern. Denn er reagiert sofort auf Verstärker und/oder DAC. Was an einem neutralen SPL Phonitor so klingt, klingt an einem Dongle-DAC von Shanling anders. Gar nicht auszudenken was er an einer Röhre macht (ich denke der Effekt wäre nicht unbedingt positiv).

So gilt denn auch wie immer: Your try - your impression - your choice!



In diesem Test verwendet:

Die folgenden Produkte haben wir für diesen Test verwendet. Du kannst gerne bei uns vorbeikommen und sie ausprobieren, oder über den Webshop direkt bestellen.

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