ZMF Atrium Closed - geschlossen, aber doch offen?
Wir testen den ZMF Atrium Closed und vergleichen ihn bei der Gelegenheit mit dem Vérité Closed. Was zeichnet diese Kopfhörer aus?
Let’s start: Grundsätzliches
ZMF als Hersteller schon einmal gehört? Nein? Also gut, dann steigen wir ganz tief unten ein :-).
Zach Mehrbach hat ZMF anno 2011 in der Nähe von Chicago gegründet, und baut seit dieser Zeit eigene Kopfhörer. ZMF heisst (sinnigerweise) Zach Mehrbach Films (Films, weil Zach anscheinend am Anfang nicht richtig wusste, wohin die Reise gehen soll). Man kann ZMF durchaus als Manufaktur bezeichnen, auch wenn sie bereits eine gewisse Grösse hat. In den USA wohl bekannt, fristet ZMF in Europa noch ein «Nischendasein». Aber dafür sind wir hier … um dies zumindest in der Schweiz zu ändern.
Mit dem Atrium Closed schauen wir uns hier den dritten geschlossenen Kopfhörer von ZMF an. Nach dem Atticus und dem Vérité Closed hat der Atrium Closed im Frühsommer 2023 das Licht der Welt erblickt. Er soll dabei die Klangeigenschaften des Atriums übernehmen, welcher als offene Variante schon länger existiert. Was den Atrium Closed vom bekannteren ZMF Vérité Closed unterscheidet, ist ebenfalls Thema.

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang
Der Atrium Closed reiht sich nahtlos in die ZMF-Familie ein. An der Mechanik der Konstruktion wurde nichts geändert, alles ist wie man es kennt. Also robust, hochwertig und ganz einfach zu warten / ersetzen, falls es mal nötig ist. Zach glaubt an das, was er tut, so haben die Treiber eine lebenslange Garantie (für Erstbesitzer) – auf die Mechanik gibt es 2 Jahre. So klobig der Kopfhörer auf den ersten Moment erscheint, so bequem ist er. Da darf man sich durch die grobschlächtige Optik nicht täuschen lassen. Die Kopfhörer sind zwar nicht leicht, aber definitiv nicht unbequem. Und sollte man doch etwas Mühe haben mit dem Sitz, gibt es Zubehör wie zusätzliche Polsterungen für die Bügel oder dickere Ohrpolster.
Wie immer kommt der ZMF-Kopfhörer im Seahorse-Case. Dieses dient auch gleich als Verpackung, abgesehen von der braunen Kartonkiste, in der das Case drinsteckt. Öffnet man das Case, springt der Kopfhörer ins Auge, darauf liegt eine Tasche mit zwei Kabeln und dem zweiten Polsterset.
Als Standard kommt der Kopfhörer mit einem 6.3mm OFC Upgrade Kabel und einem 4-Pin XLR Stock-Cable. Diese Kombination kann bei uns auf Wunsch auch gegen andere Kabel bzw. Stecker ersetzt werden. Wer also z.B. ein OFC XLR Kabel will, muss nur den Mut haben, uns danach zu fragen.
Hinweis: Der Lieferumfang der ZMF Kopfhörer ändert sich von Zeit zu Zeit, der hier beschriebene Umfang ist zum Testzeitpunkt (2024) aktuell.
Die Polster: Zach hat es sich wohl zur Aufgabe gemacht, die Welt zu verwirren. Falls nicht – geschafft hat er es trotzdem. Mit ganz viel Aufwand und Zeit hat er eine «Unmenge» an Polstern geschaffen, jeweils in verschiedenen Materalisierungen. Üblicherweise gibt es pro Kopfhörermodell ein Polster, welches dann auch gleich so heisst. Der Atrium ist tatsächlich die Ausnahme, da hat er sich in seinem Sortiment bedient und dazu gepackt, was (seiner Meinung nach) am besten passt.
Beim Atirum Closed sind dies die Caldera Pads, und zwar einmal das Slim-Pad und ein normales. Auch hier kann man die Pads auf Wunsch bei uns gegen andere ersetzen. Wobei ich mich da an Zach halte – er hat sich Gedanken gemacht bei der Auswahl, also wird das «out of Box» so passen. Übrigens: Mit den Pads kann man den Klang des Kopfhörers nicht komplett verändern, aber etwas frisieren. Materialisierung, Überzug und Abstand zum Ohr seien als Stichworte genannt. Beide Pads, die in der Box liegen, sind perforiert – und das macht (etwas auf den Klang vorgegriffen) auch Sinn.

Was haben wir noch: achja, das Holz. Die Standardversion des Atrium Closed kommt mit einer Cherrywood Schale. Limited Versionen mit anderen Hölzern gibt es bereits. Auf diese Thematik lohnt es sich aber zumindest klanglich nicht einzugehen – denn Limited ist bei ZMF tatsächlich Limited. Die gibt es niemals über eine längere Zeit und auch nicht in grösseren Stückzahlen. So ist der Olive-Wood, welchen wir hier haben, in dem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, bereits nicht mehr erhältlich bei ZMF. Wir versuchen immer wieder mal etwas Limited an Lager zu haben – und dann ist das so auch im Webshop ersichtlich.
Auf die technischen Errungenschaften des Atrium Closed (Treiber / Dämpfung usw.) gehe ich bewusst nicht ein. Das ist zwar alles spannend in der Sache (wer sich dafür interessiert, findet auf der ZMF Seite viel darüber), es sagt aber nichts über den Klang aus. Deshalb … böhm.

Das Entscheidende: Der Klang
Schon müde vom Lesen? Dann frisch aufgepasst, jetzt kommt der spannende Teil!
Da ich die Produkte bei uns im Webshop einpflege und die Produktbeschreibung von ZMF ein bisschen ins Deutsche übersetzen muss, weiss ich grundsätzlich, was mich erwartet. Und so bin ich ein bisschen voreingenommen. Zach sagt selbst, der Versuch beim Atrium Closed liege darin, ihn möglichst offen klingen zu lassen, ihn neutral zu halten aber mit einem Subbass zu versehen, der sich von der Masse abhebt.
Und was soll ich sagen? Ansage geglückt, check! Wer sich nicht für die Details interessiert, kann gleich zum Fazit.
Oder weiterlesen: Was sofort und bei allen Genres auffällt: Die Aussage mit dem Subbass trifft ins Schwarze. Was da ganz untenrum geschieht, ist raffiniert und faszinierend zugleich. Ist es denn nicht übertrieben? Nein, aber auch ja. Das ja kommt aber nur dann zum Tragen, wenn man einen direkten Vergleich hat. Ansonsten wirkt das bis auf eine Ausnahme immer stimmig und wirklich angenehm.
Diese Ausnahme wäre? Ich bin ein Freund von Bass, was ich aber gar nicht mag ist Quantität vor Qualität. Da verzichte ich lieber auf Wumms, anstatt ein stetiges Brummen aufgezwungen zu bekommen. Hören wir mal bei einem pompösen Orchester rein – Filmmusik der bekannten Künstler. Was der Atrium Closed tut, ist quantitativ an der Grenze, qualitativ aber niemals schlecht. Die Quantität bringt es aber mit sich, dass die feinen Details dazu neigen, in der Grösse des Raums unterzugehen. Das kann stören oder nicht.
Die Mitten sind etwas zurückhaltend, wie auch die Höhen. Ich würde den Klang als linear beschreiben, mit einem Boost im Bassbereich (ha, wie treffend es Zach beschreibt). Das macht das Hören spannend, denn die Details sind da, und spassig, weil sich was bewegt. Dieses lineare Klangbild ist in der Welt von blingbling und Effekthascherei ungewohnter als ich dachte. Denn die Stimme von Brook Fraser wirkt ein bisschen belegt. Die Instrumente des Orchesters sind etwas weiter weg. Aber erinnere ich mich an meine letzte KKL-Session zurück, kommt das der Realität sehr viel näher als eine Badewannen-Abstimmung. Die Höhen möchte ich besonders hervorheben, sie sind einfach wunderbar, wenn man die Sibilanten betrachtet (also nervige hohe Töne). Aufpassen beim Drehen am Volumenregler, wenn die Höhen stören, hört man eigentlich schon viel zu laut.
Wie man dieses Klangbild findet, hat also extrem mit der eigenen Hörgewohnheit und den eigenen Vorlieben zu tun. Dieses Argument bringe ich dann weiter unten nochmals.
Das Thema Räumlichkeit: Er ist ein geschlossener Kopfhörer. Er klingt nicht so räumlich wie ein räumlicher offener Kopfhörer. Das geht nicht, nichts und niemand kann die Physik austricksen, auch Zach in seinem Soundlab nicht ;). Ist der Raum begrenzt, ist er begrenzt. Es gibt aber bei den geschlossenen Kopfhörern solche, die räumlicher sind als die anderen. Und der Atrium Closed gehört zu den räumlichsten geschlossenen Kopfhörern. In Livesituationen wird der Raum breit abgebildet, und es entsteht fast schon eine intime Atmosphäre.
Die Polsterwahl von Zach mit den perforierten Pads macht bezüglich der Räumlichkeit und bezüglich des Bassdrucks Sinn. Mit solid Pads (also nicht mit perforierten) ist der Bass noch stärker – was dann vielleicht zu viel des Guten ist – und die Räumlichkeit leidet. Insofern meine Empfehlung; bleibt bei den Caldera Stock Pads.
Testsetting im übrigen: SPL Phonitor XE ab Tidal Hi-Fi.

Der Vergleich: Wie anders ist er als der ZMF Vérité Closed?
Kein Test ohne Vergleich. Der Vèrité Closed soll sich gegen den Atrium Closed behaupten. Wobei das falsch formuliert ist, es ist ja keine Versus-Situation, sondern einfach die Frage: Was macht der Atrium anders?
Es ist spannend, denn die Hörer sind sehr unterschiedlich. Bei jedem Wechsel, in beide Richtungen, war der «andere» 5 Sekunden lang komisch, und dann war ich der Meinung, dass mir der jetzt besser gefällt. Das liegt daran, dass beide sehr gut tun, wie sie es tun.
Der Vérité ist heller und hat weniger Bass. Der Atrium ist dunkler (neutraler), mit mehr Bass. Und zwar mehr als nur ein bisschen mehr Bass. Dieser fehlt beim Vérité im direkten Vergleich. Beim ständigen hin und her wechseln kam ich immer drauf, dass mir eine Mischung aus beiden wohl am besten gefallen würde. Also etwa so hell wie der Vérité, mit dem Bass vom Atrium. Mit dem Wissen, dass das dann andere Effekte hätte (die ich nicht will), ist das aber nicht als Forderung zu verstehen.
Der Unterschied lässt sich tatsächlich wie oben relativ einfach beschreiben. Viel mehr muss man dazu gar nicht sagen. Der Gedanke, den ich dazu habe, ist: Es hängt massiv an den eigenen Klangvorlieben und an der eigenen Gewohnheit, welchen Kopfhörer man mehr mag. Wer dynamisch ausgewogen vorzieht, wird mit dem Vérité mehr Spass haben, wer es linear, aber mit etwas Subbass mag, greift zum Atrium.
Fazit
Durch meine ganze Playlist hindurch gibt es nichts, aber tatsächlich nichts, was ich mit dem Atrium Closed nicht hören würde. Der Kopfhörer ist für alle geeignet, die gerne einen neutral abgestimmten Kopfhörer möchten, aber Bass mögen. Präziser: Für alle, die kontrollierten Bass mögen (ok, wer möchte das nicht?). Quantität steht beim Atrium Closed nicht vor Qualität, denn die Auflösung in den Mitten und Höhen leidet nicht darunter. Im Bassbereich kann es, wenn es extrem komplex wird, aber schonmal vorkommen, dass ein oder andere Details verloren gehen.
Der Kopfhörer ist sehr angenehm zu hören. Die neutralen Mitten und Höhen muss man per se mögen (oder sich daran gewöhnen). Der Kopfhörer wird dadurch niemals nervig oder aggressiv. Die Räumlichkeit ist für einen geschlossenen Kopfhörer auf sehr hohem Niveau.
Qualität und Lieferumfang ist wie bei ZMF üblich üppig, da gibt es nichts zu meckern. Und auch der Komfort ist, so klobig wie der Kopfhörer aussieht, tatsächlich einfach gut.
Ob der Atrium Closed der richtige Kopfhörer ist, oder doch der Vérité Closed? Das liegt ganz einfach an den Hörgewohnheiten. So gilt denn auch wie immer: Your try - your impression - your choice!