ZMF BOKEH open - die neuste Entwicklung aus Zach's Feder

Wir haben den ZMF Bokeh Open getestet und mit dem Bokeh Closed verglichen. Was kann der günstigste ZMF Kopfhörer den es bisher gab. Wieviel ZMF DNA steckt im Bokeh?


Von Neel Bechtiger
7 Min. Lesezeit

ZMF BOKEH open - die neuste Entwicklung aus Zach's Feder

Let’s start: Grundsätzliches

Während sich ZMF in den letzten Jahren vor allem auf Kopfhörer im Preisbereich über 2000.– konzentriert hat, entwickelte sich der Markt im Bereich um 1000.– rasant, denn auch in diesem Segment wird die Technik immer raffinierter. Zach Mehrbach, der Kopf hinter ZMF, ist sich dessen natürlich bewusst; er will (und kann) dieses Feld nicht komplett seinen Mitbewerbern überlassen. Um etwas Neues und Überzeugendes bauen zu können, war jedoch etwas Grundlagenforschung nötig – diese hat man mit den letzten Kopfhörermodellen, dem Atrium und Caldera, betrieben. Das schätze ich an ZMF: Es wird nicht einfach ein Markt bedient, nur damit der Markt bedient ist. Nein, es wird so lange gearbeitet, bis man überzeugt ist, dass das Produkt seinen Platz finden wird.

Genau so ist es beim Bokeh. Nach dem geschlossenen Modell von 2024 war es im Frühling 2025, nach langen Monaten des Wartens, endlich so weit: Der Bokeh Open ist da. Hat sich das Warten gelohnt?

Mit der Bokeh-Serie schliesst ZMF das aktuelle Sortiment nach unten ab. Dabei war es Zach wichtig, dass der klangliche Kompromiss – trotz des tieferen Preises – nicht zu gross wird. Doch eigentlich stellen die Bokeh eine für sich eigene Linie in der Welt von ZMF dar. Das macht sie nicht 1:1 vergleichbar mit Modellen wie dem Atrium oder Vérité. Der Bokeh ist ausgelegt auf Spass, ausgelegt auf Dynamik. Er will ein «Ich schmeichle dir immer, egal was du hörst»-Kopfhörer sein.

Vier ZMF Bokeh Open Kopfhörer mit verschiedenfarbigen Holz-Ohrmuscheln und offenen Ziergittern

Die Basics: Optik, Haptik und Lieferumfang

Es gibt den Bokeh Open in zwei Farbvarianten, «Nocturne» (rot) und «Emberstone» (grau / violett). Die Optik passt zur klanglichen Abstimmung - der Bokeh Open will frech sein. Einige Kunden und Kommentatoren im Internet wünschten sich aber wohl eine "unauffälligere" Variante. Ich finde, beide Farben stehen dem Kopfhörer - und die emberstone Variante ist doch neutral? Zum Glück ist das alles subjektiv. 

Geliefert wird der Bokeh Open mit einem Bokeh Stock Kabel deiner Wahl, einem Transportetui (wirklich edel!) und einem raffiniert einfachen Karton. Es ist alles etwas «hemdsärmlig», zeigt aber gut, wie ZMF tickt. Wie schon der Bokeh Closed verfügt der Bokeh Open über 3.5-mm-Anschlussbuchsen für die Kabel. Dies, so sagte Zach, aus Platzgründen. Es sei keine grundsätzliche Entscheidung gegen die bisher immer verwendeten Mini-XLR gewesen. Die Polster hingegen sind gleich wie bei allen anderen ZMF-Kopfhörern. Montiert ist beim Bokeh Open ein Satz Caldera Pads. Da der Querschnitt identisch ist, kann jedes beliebige andere ZMF-Polster verwendet werden.

Die Haptik lässt keine Wünsche offen. Der Bokeh Open ist etwas filigraner gebaut als seine ZMF-Brüder, aber trotzdem stabil und hochwertig verarbeitet. Er ist vielleicht etwas gross – aber nicht schwer, beziehungsweise nicht zu schwer. Auf meinem Kopf liegen die rund 480 Gramm angenehm und ohne zu stören. Dafür sind alle nötigen Teile, ebenso wie bei allen anderen ZMF, selber einfach ersetzbar.  

ZMF Bokeh Open mit rot gemusterten Ohrmuscheln vor Transportetui sowie Kabel und Stoffbeutel

Das Entscheidende - der Klang

Es sei der dynamischste Kopfhörer, den ZMF je gebaut hat – so steht es in der Werbung. Wird dieses Versprechen eingelöst? In einem Satz beantwortet: Ja, der Bokeh ist der dynamischste Kopfhörer, den ZMF bisher gebaut hat. Die Formulierung lässt es vermuten: Es folgt ein "aber". Ich bediene mich für dieses "aber" einem Vergleich: Trotz Dynamik fehlt das Salz in der Suppe. Er ist etwas «fad» – als würde eine Prise mehr Salz das Ganze noch abrunden. Oder essen (bzw. hören) wir grundsätzlich zu salzig, und deshalb erscheint uns etwas, das eigentlich salzig genug ist, zu fad?

Kurzum: Was ZMF als «dynamisch» bezeichnet, ist im weltweiten Vergleich nicht maximal dynamisch. Wer etwas extrem Dynamisches erwartet, würde das wohl als Kritik formulieren – ich will es aber explizit nicht als Kritik verstanden wissen. Denn was der ZMF Bokeh tut, ist mehr als solide. Tauchen wir doch mal ein. Wo ich gerade beim Stichwort bin: Eintauchen – das ist mit dem Bokeh möglich. Was er kann, ist Intimität übermitteln. Und das nicht nur bei ruhigen Singer-Songwriter-Stücken, sondern auch bei komplexerer Musik. Noch selten habe ich mich bei «Bella Ciao» von Klischée so direkt in der ersten Reihe des Konzerts gefühlt wie mit dem Bokeh Open. Die Stimmen – aber auch die Instrumente (bzw. die elektronisch erzeugten Klänge) – kommen präsent und direkt ans Ohr. Dieser Eindruck entsteht auch bei klassischer Musik sowie bei entspannten Pop- oder Rockballaden.

Der Bass ist auf den Punkt gebracht. Er ist stark genug, die Höhen sind zurückhaltend und werden erst bei hohen Pegeln unangenehm. Und die Mitten – das ist der oben beschriebene Bereich – macht er einfach fantastisch. Bass «auf den Punkt» meint? Quantitativ absolut ausreichend – wenn man kein Bassmonster erwartet. Am SPL Phonitor getestet (der spielt neutral mit einem Hang zur kühlen Seite) wird dieser tiefe Frequenzbereich überhaupt nicht verstärkt. Der Kopfhörer tut es ebenfalls nicht übermässig. Es liegt also auch (und vor allem) am Mixing, wie das in dieser Kombination rüberkommt. Beim eher neutral gemischten Elektro-Track «Strobe Lights» von Red Sebastian vermisse ich den Druck. Beim etwas dynamischer gemischten «Human» von Rag’n’Bone Man hingegen ist das alles genau so, wie erwartet.

Die Bühne des ZMF Bokeh ist grossartig. Dein Platz ist die erste Reihe – direkt vor der Bühne. Die Musik kommt von links, von rechts, das Publikum bringt Stimmung – und das ist alles über dem Durchschnitt. Der Bokeh bildet den Raum in der Breite ab, nicht so sehr in der Tiefe. Das kann man bemängeln – es gibt Kopfhörer, die Raumtiefe besser darstellen –, aber genau diese Abstimmung macht ihn wohl so intim. Man kann wohl das eine nicht ohne das andere haben.

Aber: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die einen bevorzugen eine möglichst grosse Bühne, andere mögen die Intimität.

Höhen: Immer ein Thema bei dynamisch abgestimmten Kopfhörern. Wenn’s laut wird, kann’s nervig werden. Auch beim Bokeh Open? Ja, er kann bei (sehr) hohen Pegeln nerven. Aber dann ist es eigentlich schon viel zu laut, auch wenn es noch erträglich tönt. Laut(er) hören kann man mit ihm nämlich ziemlich gut.

Der ZMF Bokeh Open reagiert aufgrund seiner Abstimmung relativ stark auf den verwendeten Verstärker. Mit dem getesteten, neutralen SPL Phonitor macht der Kopfhörer Spass. Mit einer Röhre macht er vermutlich im Bassbereich sogar sehr, sehr viel Spass. 

Geschlossener ZMF Bokeh links und offener Bokeh mit weinrotem Gitter rechts auf einem Holzständer

Der Vergleich: ZMF Bokeh open vs. closed

Macht so ein Vergleich Sinn? Ja und nein. Ich will besonders darauf eingehen, was bei ZMF ein offenes Modell von einem geschlossenen unterscheidet. Schliesslich steckt doch dieselbe Technik drin, oder? Natürlich ist die offene Version nicht einfach ein geschlossener Kopfhörer mit Löchern in der Schale … aber die Treiber sind zumindest stark verwandt.

Die Klangunterschiede sind so, wie man sie erwartet – zumindest, wenn man ein bisschen im "Kopfhörer Rabbit Hole" steckt. Der offene Kopfhörer ist transparenter, luftiger, räumlicher (viel räumlicher) und insgesamt angenehmer. Er ist der bessere Bokeh. Das ist aber auch nicht weiter erstaunlich – eine geschlossene Konstruktion ist immer ein Kompromiss. Denn ohne Gegenleistung kann man sich nicht von der Umwelt abkapseln. Deshalb ist ein offener Kopfhörer – in diesem Fall der offene Bokeh – grundsätzlich zu bevorzugen. Ausser wenn der Einsatz keine Nutzung eines offenen Kopfhörers erlaubt. Dann muss er geschlossen sein. Das ist der Kompromiss. Und der geht dann vor allem zulasten der erwähnten Transparenz.

Die Bässe sind beim geschlossenen Bokeh kräftiger, sie wirken für sich allein schöner als beim offenen Bokeh. Dieses Plus vermisse ich im Gesamtbild des Bokeh Open allerdings nicht. Der Bokeh Closed ist nicht ganz so intim. Er wirkt dynamischer – auch die Höhen sind stärker –, aber das Gefühl der ersten Reihe in Konzertsaal und Festival stellt sich so nicht ein. Der geschlossene Bokeh lässt für sich genommen wenig Raum für Kritik – vergleicht man ihn aber mit dem offenen, dann eben doch.

Eine Birne ist auch lecker – für sich allein genommen. Vergleicht man sie mit einem Apfel ... , sieht die Welt vielleicht anders aus (oder andersherum – das ist dann wieder subjektiv).

Jetzt habe ich darüber geschrieben, weshalb der offene besser ist. Und das ist auch schon fast mein Fazit dieses Vergleichs: Ausser im Bassbereich gibt es keinen Punkt, der an den geschlossenen Bokeh geht, wenn man isoliert nur den Klang betrachtet. Erstaunt das? Nein, überhaupt nicht. Offen und geschlossen sind zwei Welten – und eigentlich nicht direkt vergleichbar.

ZMF Bokeh Open mit dunklen Holz-Ohrmuscheln und weinroten Gittern im geöffneten Transportetui

Fazit

Um die Frage ganz oben aufzugreifen – hat sich das Warten gelohnt? Ja, das Warten hat sich gelohnt! Der Bokeh Open verspricht einen dynamischen Sound – und dieses Versprechen hält er auch ein.

Wer wummernde Bässe und ultraspitze Höhen erwartet, ist beim Bokeh Open falsch. Ebenso, wer einen linearen, unaufgeregten Klang sucht. Wer jedoch einen wohltemperierten Bass und präzise, kontrollierte Höhen zu schätzen weiss, ist hier genau richtig. Der Bokeh kann eine Bühnensituation – mit dir in der ersten Reihe – wunderbar intim und breit wiedergeben.

Das Gesamtpaket dieses Kopfhörers mit seiner Verarbeitung und dem Lieferumfang ist schlichtweg überzeugend. Die Möglichkeit, Teile auszutauschen, sowie die Garantie bei ZMF sind weitere starke Argumente für den Bokeh.

Der Vergleich mit dem geschlossenen Bokeh ist spannend, aber nicht unbedingt fair. Ausser im Bassbereich – wo der geschlossene systembedingt etwas mehr Quantität bietet – gewinnt der offene Bokeh auf der ganzen Linie. Er ist transparenter, räumlicher und intimer. Ehrlicherweise merke ich im direkten Vergleich erst richtig, wie offen und transparent der Bokeh Open wirklich ist. Und das ist in dieser Preisklasse klar überdurchschnittlich.

Wie immer gilt aber auch hier: Your try - your impression - your choice!



In diesem Test verwendet:

Die folgenden Produkte haben wir für diesen Test verwendet. Du kannst gerne bei uns vorbeikommen und sie ausprobieren, oder über den Webshop direkt bestellen.

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